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Rainer Thielmann kennt Kalkutta. Der Dichter und Fotograf bereiste mehrmals Indien, zuletzt die westbengalische Hauptstadt. Im FacingKalkutta-Interview spricht er über seine Erlebnisse – über Geborgenheit, spiritellen Strudel und verschmutzte Gewässer.

Rainer Thielmann in Indien

Rainer Thielman in Indien

Herr Thielmann, Sie waren Ende 2010 in Kalkutta, haben dort einen Monat lang gelebt und an einem Foto-Gedichtband gearbeitet. Vermissen Sie Kalkutta – oder sind Sie froh, wieder zurück im Chiemgau zu sein?

Die Zeit in Kalkutta war eine sehr kostbare. Ich habe viel gelernt, über die Menschen, die Kultur und auch über mich selbst. Ich bin immer dort gerne, wo ich gerade bin, insofern vermisse ich keinen anderen Ort.

Wie würden Sie die Atmosphäre der Stadt beschreiben?

Als familiär.

Was macht für Sie den Reiz der Stadt aus, was ist das Besondere an ihr?

Durch die familiäre Atmosphäre entsteht ein Gefühl von Geborgenheit. Für Menschen aus unserem Kulturkreis, die noch nie in Kalkutta oder in Indien waren, hört sich das sicher völlig paradox an. Denn die meisten haben ja Bilder von Armut, Krankheit und Verfall vor Augen, wenn sie an Kalkutta denken. Das schlechte Image der Stadt kann man fast schon als legendär bezeichnen. Aber unter dieser oftmals eher abstoßenden Oberfläche habe ich Kalkutta als warmherzig, liebenswürdig, freundlich und offen empfunden.

Was gefällt Ihnen weniger?

Dass Familien an viel befahrenen Straßenkreuzungen nach wie vor in Wellpappe und Planen hausen. Ein Slum wirkt dagegen fortschrittlich und human.

Wenn Sie Kalkutta in drei Wörtern beschreiben sollten, welche wären das?

Freude, Schmerz, Energie.

Kalkutta ist extremer, im Positiven wie im Negativen.

In ihrem neuen Buch „Kalkutta − Durga, Dichter und Dämonen“ beschreiben Sie unter anderem den Durga-Kult und das große Puja-Fest ihr zu Ehren, bei dem zuvor aufwendig hergestellte Figuren der Göttin Durga im Fluss versenkt werden. Ist Kalkutta religiöser als andere indische Städte?

Ich habe da, ehrlich gesagt, keinen Vergleich, weil das meine erste mehrtägige religiöse Feier in Indien war. Die Bengalen sind ja sehr emotional, und so wird man regelrecht in einen spirituellen Strudel hinein gerissen und fließt dann einfach mit. Als die Statuen am letzten Tag im Hooghly versenkt wurden, war ich sehr aufgewühlt, auch von den vielen Emotionen dort. Kinder weinten, Erwachsene lachten, schrien und feierten, viele beteten, es war ein wilder bengalischer Mix, den ich nie vergessen werde.

Was unterscheidet Kalkutta von anderen indischen Großstädten?

Viele bezeichnen Kalkutta als die „indischste aller Städte“. Sie ist wahrscheinlich extremer, im Positiven wie im Negativen. Aber ich würde die Missstände wirklich nicht überbetonen und konnte durchaus Verbesserungen der Lebenssituation der Menschen seit meinem ersten Besuch 2005 feststellen. Und natürlich lebt die Stadt nach wie vor von dem kolonialen Flair und den vielen britischen Gebäuden aus dem 19. Jahrhundert. Sie brachten Kalkutta damals den Namen „Stadt der Paläste“ ein und sind allein schon einen Besuch wert.

Wasser gilt in Indien wie in Kalkutta als heilig. Dort insbesondere das des Ganges bzw. Hooghly. Die Menschen waschen sich und ihre Sachen darin, füllen sich das Wasser in Fläschchen – und trinken teils von ihm. Andererseits lassen sie den Fluss verschmutzen, verrichten dort ihre Notdurft und werfen die Asche der Toten hinein. Wie passt das zusammen?

Nebenarm des Hooghly-Flusses nahe des Kalighat-Tempels in Kalkutta. Foto: Michael Dommel

Indien ist ein Land der Widersprüche. Vieles dort können wir nicht verstehen. Das macht es ja so spannend! Der Ganges ist den Menschen wie eine lebensspendende Mutter. Deshalb verehren sie ihn und beten dort. Sie bestatten dort ihre Toten, damit die Verstorbenen den ewigen Kreislauf der Wiedergeburten durchbrechen und so ins NIRWANA eingehen können. Touristen werden mittlerweile davor gewarnt, mit dem Wasser der verschmutzten Flüsse in Berührung zu kommen, auf keinen Fall sollte man in Kalkutta oder Varanasi darin baden.

Waschung im heiligen Wasser

Kalkutta gilt als geistiges Zentrum Indiens, als Kulturhauptstadt des Landes. Wie beurteilen Sie die Bedingungen für Kulturschaffende in Kalkutta?

Es wird gemunkelt, dass es in Kalkutta mehr Dichter als Leser geben soll… aber ernsthaft: Ich habe dort u.a. einige Galerien besucht und war sehr beeindruckt. Wenn man in Indien kulturell etwas auf die Beine stellen will, sollte man nach Kalkutta gehen. Zumal die Bengalen ein dankbares Publikum sind. Und sie verehren ihren großen Dichter TAGORE wie keinen zweiten.

Touristen werden mittlerweile davor gewarnt, mit dem Wasser der verschmutzten Flüsse in Berührung zu kommen.

Wie nehmen Sie die Abgase, den Gestank, dem Lärm, den Müll und das Elend auf den Straßen wahr? Sehen Sie darin auch etwas „Poetisches“?

Nach dem Lärm und Gestank wirkt der kleine Park mit dem Vogel im Baum doppelt schön.

Ein Großteil des indischen Lebens spielt sich auf den Straßen, im öffentlichen Raum ab. Auch in Kalkutta. Warum vernachlässigen die Menschen diesen derart – oder täuscht das nur?

Ich würde nicht sagen, dass sie ihn vernachlässigen. Sie schätzen diesen öffentlichen Raum, und wenn man die Bürgersteige bei den Händlern lang geht, dann ist es dort meist sauber. Wenn man früh morgens durch die Straßen geht, wird oft der Asphalt geschrubbt, die meisten wissen, dass sie diesen Raum pflegen müssen, weil sie von ihm leben.

Kalkutta hat einen schlechten Ruf in der Welt, galt lange Zeit als Armenhaus Indiens. Stimmt dieser Ruf heute immer noch? Wollen wir Kalkutta so sehen?

Ich glaube nicht, dass wir sie so sehen wollen. Die Stadt war leider jahrzehntelang die „Pestbeule Indiens“ – ein Zitat Mahatma Gandhis. Aber sie hat sich positiv entwickelt und ist, aus meiner Sicht, gerade dabei, dieses schlechte Image abzulegen. Auch wenn das sicher noch einige Jahre dauern wird.

Letzte Frage: Welches Buch liegt Ihnen näher: Günter Grass‘ „Zunge zeigen“ oder Martin Kämpchen’s „Calcutta – eine funktionierende Anarchie“?

Eindeutig das feine Werk Martin Kämpchens, den ich in seinem Haus in Shantiniketan treffen durfte. Das Kalkutta, das Günter Grass in „Zunge zeigen“ so sprachgewaltig wie düster beschreibt, kenne ich nicht.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Rainer Thielmann wurde 1965 im westfälischen Hagen geboren und geht als Dichter, Sänger und Fotograf einer weiteren Leidenschaft nach: dem Reisen. Dabei lässt er sich von fremden Kulturen, Menschen und Impressionen inspirieren und entwickelt seine Bücher und Bildbände – unter anderem Foto-Gedichtbände über Australien und Indien, dem Land, über das er sagt: „Die Inspiration kennt in Indien keine Grenzen“. Zuletzt reiste er nach Kalkutta. In seinem Buch „Kalkutta − Durga, Dichter und Dämonen“ skizziert er ein präzises und gefühlvolles Bild der Hauptstadt West Bengalens.

Rainer Thielmann lebt im Chiemgau lebt und führte zahlreiche Lesereisen im In- und Ausland durch, etwa in Australien. Website: www.indienvoninnen.de

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