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Von Österreich nach Kalkutta: Seit fünf Monaten arbeitet Patrick Tichy als Leiter eines Schulprojekts am Stadtrand der westbengalischen Hauptstadt. Seine Eindrücke der Stadt sind zwiespältig. Patrick Tichy im FacingKalkutta-Interview über Nervenaufreibendes, Belastendes – und das unkontrollierbare Lebewesen Kalkutta.

Patrick Tichy in Kalkutta

Patrick Tichy in Kalkutta

Herr Tichy, seit fünf Monaten arbeiten Sie nun in Kalkutta – haben Sie schon Heimweh nach Österreich?

Es ist kein ständiges Heimweh, aber es kommen immer wieder mal Gedanken wie: „Ein Apfelstrudel und ein Melange wäre jetzt schon ein Hit“ oder „Oh, der Christkindlmarkt hat wieder geöffnet… schade“. Ich versuche durch regen Kontakt mit meiner Familie und meinen Freunden in Österreich den Draht „nach Hause“ zu halten um für die Arbeit hier auch die emotionale Basis zu haben. Ich würde sagen, ich habe mich hier inzwischen ganz gut eingelebt, aber zu Hause bin ich natürlich woanders.

Wie empfinden Sie das Leben in Kalkutta und Westbengalen?

Da ich etwas außerhalb der Stadt lebe, geht es bei mir etwas ruhiger zu. Aber prinzipiell ist das Leben hier einerseits sehr unruhig, pulsierend und überall sind endlos viele Menschen. Andererseits ist es auch sehr zäh und langsam. Alle Behördenwege, Besorgungen des täglichen Lebens und das Überwinden von Entfernungen sind aufgrund der – im Vergleich zu Österreich – schlechten Infrastruktur sehr zeit- und energieraubend. Für die meisten funktionierenden Dinge (Mobiltelefon / Internetservice / Bankkonto eröffnen / sich registrieren) gibt es Prozesse, die meist nicht transparent sind und nicht erklärt werden. Sobald etwas außerhalb der „Norm“ dieser Prozesse geschieht, kommt dieser ganze Prozess zum Stehen und man erfährt nicht einmal etwas davon. Diese starren undurchsichtigen Systeme können einen schon mal ganz schön auf die Palme bringen.

Überall sind endlos viele Menschen

Wie kommen sie mit den Menschen zurecht?

Ja, das ist die andere Seite. Die Menschen hier sind meist sehr freundlich, nett und hilfsbereit. Als Ausländer hat an hier einerseits gute Karten, weil man oft bevorzugt und besonders freundlich behandelt wird, andererseits wird man of als der Goldesel angesehen und es gibt definitiv so etwas wie einen „Weißenaufschlag“ auf alle möglichen Dinge und Dienstleistungen. Wenn man als Tourist für nur einige Tage kommt, bemerkt man das vielleicht gar nicht, aber wenn man hier länger lebt, dann erkennt man die oft enormen Preisunterschiede. Wenn man dann auf den regulären „indischen“ Preis besteht – etwa  beim Rikshaw- oder Taxi-Fahren – dann wird man manchmal einfach ignoriert und am Straßenrand stehen gelassen. Das kann schon etwas frustrierend sein… aber da muss man durch. Andererseits kann man hier auch die Schönheit der Natur bewundern, sobald man die Stadt verlässt.

Hätten Sie lieber in einer anderen indischen Stadt gearbeitet?

Nein. Ich habe Indien bereits vor meinem Umzug hierher einige Male bereist. Ich war immer wieder von der Landschaft, den einfachen Menschen und am Land fasziniert. Ich habe die all die großen Städte eher als eine notwendige Belastung empfunden, da man sie beim Reisen als Umstiegspunkte benötigt. Der allgegenwärtige Schmutz und der damit verbundene Geruch, der Zustand der Häuser und der Infrastruktur und der große, immer mehr zunehmende Unterschied zwischen bitterer Armut und wachsendem Reichtum haben mich immer eher belastet. Ich habe die bereisten Städte alle sehr ähnlich empfunden und daher habe ich hier keine besondere Präferenz.

Die Stadt ist als Verkehrsknotenpunkt, für Besorgungen und als Markt für eigene Produkte sehr wichtig, aber für mich kein Ort zum Leben. Ich bin froh, außerhalb von Kolkata leben zu können.

Die Stadt überrascht mich bei jedem Besuch aufs Neue

Sie haben sich im Vorfeld ihrer Auslandsarbeit sicherlich gut über Kalkutta informiert. Wie aber war dann das wirkliche Erleben der Stadt? War es so, wie sie es sich vorgestellt hatten – oder ganz und gar anders?

Es war definitiv anders. Viel mächtiger. Ich kann nicht generell sagen, ob es besser oder schlechter als ich es mir vorgestellt habe. Der allgemeine Wohlstand (der stark wachsenden Mittelschicht) ist deutlich größer als ich es mir gedacht habe, die Metro ist ein unglaublich wichtiger Lebensnerv der Stadt, die wichtigen großen Märkte wie New Market und Chadni Chawk sind jedes Mal aufs neue ein Erlebnis. Ich würde meinen, die Stadt überrascht mich bei jedem Besuch aufs Neue.

Einige Male hatte ich den Eindruck, dass die Einwohner von Kolkata nur ihren kleinen Teil der Stadt kennen und sich zum Teil gar nicht trauen, andere Teile ihrer Stadt zu entdecken. Reiseführer können immer nur einige wenige Aspekte einer Stadt vermitteln. Niemals dieses unkontrollierbare und sich ständig verändernde Lebewesen Kolkata. Ich glaube sogar, dass jeder Mensch diese Stadt anders erlebt. Das ist einerseits vielleicht verwirrend, aber andererseits auch sehr spannend.

Wie würden Sie die Atmosphäre der Stadt beschreiben?

Es herrscht rege Betriebsamkeit. Indien ist in ständiger Aufbruchstimmung, der Wohlstand steigt und die Menschen in Kolkata sind fest entschlossen, sich einen möglichst großen Teil des neuen Kuchens zu nehmen. Es sind sehr viele junge Menschen zu sehen, die meist westlich gekleidet und auf unseren westlichen Lebensstil aus sind. Im Fernsehen wird ihnen gezeigt, wie Westeuropa und Amerika leben und das wollen sie auch erreichen. Sie und ihre Familien sind bereit, dafür viel zu investieren, aus den Gegebenheiten das meiste herauszuholen um dieses Ideal zu erreichen. Diese junge Generation wird zu einem großen Teil ihr Ziel erreichen – zumindest solange sie sich an die dafür vorgesehenen Prozesse und Regeln halten.

…dieses unkontrollierbare und sich ständig verändernde Lebewesen Kolkata

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Ja, denn wo es Regeln gibt, da gibt es auch alles, was außerhalb der Regeln steht. Und das findet man im restlichen Leben von Kolkata. Wer nicht in das schöne neue Schema des modernen Indien passt, muss sich sein täglich‘ Brot anders verdienen. Ob als Schuhputzer, Verkäufer von Taschentüchern, Eggrolls oder anderen Snacks… irgendwie muss jeder seinen Platz finden um zu überleben. Und dieser Teil von Kolkata ist einfach überall. Mit diesem Teil von Kolkata wird man eben auch konfrontiert.

Für mich machen diese beiden großen Gruppen die Atmosphäre von Kolkata aus.

…irgendwie muss jeder seinen Platz finden um zu überleben.

Was macht für Sie den Reiz der Stadt aus, was ist das Besondere an ihr?

Die Vielseitigkeit der Stadt ist faszinierend. Man findet alles, man muss nur wissen, wo man suchen muss. Das sind oft die Herausforderung und der Reiz. Es ist oft so, als würde man sich in einen Dschungel werfen und wenn ich abends nach Hause komme bin ich froh, es wieder mal überlebt zu haben. Es ist jedes Mal ein neues Abenteuer.

Was gefällt Ihnen weniger an der Stadt?

Es ist oft ein Zuviel an Menschen, Lärm und unangenehmen Gerüchen. Die Armut in der Stadt ist für mich oft sehr belastend.

Wie nehmen Sie die Abgase, den Gestank, dem Lärm, den Müll und das Elend auf den Straßen wahr? Typische Dinge, die auf einen Westler, der die Stadt zum ersten Mal besucht, verstörend wirken können.

Das alles ist sehr wohl etwas, das mich bis heute belastet. Für mich als Österreicher mit einem ausgeprägten Umweltbewusstsein und Liebe zur Natur ist es manchmal einfach ein Zuviel an allen Eindrücken, das ich mit meinen Sinnen nicht wahrnehmen kann. Die Umweltverschmutzung ist enorm und ich habe manchmal das Gefühl, dass die Menschheit eine echte Plage für diesen Planeten ist. Eine Lösung habe dafür allerdings auch nicht. Und somit gehört es zu dieser Stadt einfach dazu.

Es ist oft so, als würde man sich in einen Dschungel werfen und wenn ich abends nach Hause komme bin ich froh, es wieder mal überlebt zu haben.

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit vor Ort? Viele bemängeln ja die große Bürokratie – ist sie ein allgegenwärtiges Problem?

Die Bürokratie ist wie vieles hier ein Überbleibsel der Kolonialzeit, das die Inder für sich „perfektioniert“ haben. Möglicherweise wäre ein Land wie Indien auch nicht anders regierbar. Das große Problem ist, dass die Prozesse und Abläufe nicht transparent und nicht klar sind. Man muss sich manchmal auf Verfahren einlassen, bei denen nicht klar ist, ob sie wirklich zum erwünschten Ergebnis führen. Das kostet viel Energie, Zeit und Geld.

Ist auch Korruption ein Problem, mit dem Sie konfrontiert sind?

Von Korruption höre ich ständig. Einige haben mich gewarnt, dass West Bengalen und vor allem die Region von Kolkata die korrupteste in ganz Indien wäre. Das Thema ist allgegenwärtig, allerdings war ich persönlich bisher noch nicht damit konfrontiert.

Die Armut in der Stadt ist für mich oft sehr belastend.

Für mich bestehen die größten Herausforderungen darin, an richtige und verlässliche Informationsquellen zu kommen und dass manche Dinge, die man bei uns am Telefon oder per Email in einer Stunde erledigen kann, hier oft ein persönliches Vorsprechen bedürfen, das einen ganzen Tag braucht.

Die Arbeitskultur ist definitiv eine andere und stellt eine große Management-Herausforderung dar.

Viele internationale NGO’s arbeiten in Kalkutta. Sie selber arbeiten bei einer österreichischen Hilfsorganisation. Warum ausgerechnet Kalkutta – sind die Slums in anderen Städten wie Mumbai nicht ebenso groß – oder sogar größer?

Die Bedürfnisse an vielen Orten Indiens und auch an anderen Orten der Welt sind groß und vielseitig. Wir arbeiten hier auch nicht direkt in den Slums von Kolkata.

Wir arbeiten mit Organisationen vor Ort, die nachhaltige Entwicklungshilfe leisten. Das Waisenheim und Schule „Springs of Life“ ist seit Jahren ein verlässlicher Partner, der Waisenkindern eine positive Zukunft ermöglicht. Sie erhalten hier ein sicheres Zuhause, eine gute schulische Ausbildung und können nun auch einen Handwerksberuf erlernen. Dies gibt ihnen einen guten Start ins Leben im heutigen Indien.

Persönlich bin ich bereits seit mehr als fünf Jahren mit diesem Projekt verbunden. Als ich damals den Gründer des Waisenheims persönlich kennenlernte und mit einigen Freunden aus meiner Nachbarschaft den Unterstützungsverein „LIVING INDIA“ gründete. Nach fünf Jahren finanzieller Unterstützung durch symbolische Patenschaften und gezielte Spenden haben wir beschlossen, den Verein als Projekt in eine andere, große Hilfsorganisation einzugliedern und neben der Basisfinanzierung auch in die Zukunft gerichtete Projekte aufzubauen und umzusetzen.

Es ist uns nun gelungen, ein Berufsausbildungsprojekt in Gang zu bringen und sogar öffentliche Fördergelder aus der Steiermark dafür zu lukrieren.

Und warum Kolkata? Es gibt nur einen Grund: Wie Sie schon sagten, es gibt hier viel zu Tun und wir können dabei helfen die Zukunft dieser Kinder und Familien nachhaltig zu verbessern.

Für mich ist es manchmal ein Zuviel an Eindrücken, das ich mit meinen Sinnen micht wahrnehmen kann.

Manche Kritiker beurteilen die Rolle der vielen in Kalkutta arbeitenden Hilfsorganisationen zwiespältig, da sie die Eigeninitiative der Stadt und der Menschen nicht fördern, den Staat aus seiner Verantwortung entbinden oder nicht nachhaltig seien. Wie stehen Sie zu solchen Aussagen?

Diese Diskussion kenne ich auch aus Österreich. Vielen karitativen Organisationen wird vorgeworfen, dass sich durch ihre Arbeit der Staat zurücklehnen kann ohne seine Verantwortung zu erfüllen. Die Wahrheit für die betroffenen Menschen ist allerdings, dass sie sonst wirklich alleine dastehen würden.

Ich fürchte, dass sowohl bei uns als auch hier in Indien  die Arbeit von NGOs beide Bereiche abdecken muss. Einerseits helfen, wo aktuelle Not ist und andererseits so viel Bewusstsein wie möglich für diese Not schaffen. Mit bereits erfolgreichen Pilotprojekten dem Staat auch konkrete Lösungsmöglichkeiten anbieten. Der Staat kann ja erfolgreiche Projekte von NGOs direkt finanziell unterstützen und kann somit ihr Know-how nutzen.

Die Bedürfnisse in Indien sind so groß und so mannigfaltig, dass es dafür sicher keine einfache Lösung gibt. Derzeit scheint sich aber auch in Indien viel zu ändern. Ich höre von neuen Gesetzen, die große Unternehmen dazu verpflichten sollen, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Gewinne an soziale Projekte zu spenden. Wenn der Staat hier Ressourcen schafft und diese gut verteilt, hat er meiner Ansicht nach schon mal gute Arbeit geleistet.

Sind die Hilfsorganisationen noch genauso wichtig wie etwa vor 30 Jahren – oder haben sich die sozialen Verhältnisse der Stadt gebessert?

Ich kann persönlich keinen so großen Zeitrahmen überblicken. Aber ich denke, dass sich bereits in den letzten 5 Jahren, in denen ich die Situation hier intensiv beobachte, sehr viel verändert hat. Die Infrastruktur ist deutlich besser geworden und wird noch immer besser, da vieles erneuer wird. Auch die sog. Mittelschicht nimmt hier stetig zu. Das führt zu höherem Wohlstand, der sich im täglichen Straßenbild widerspiegelt. Die Stadt wächst allerdings enorm schnell und ich denke, das wird noch ein großes Problem werden. Für die ärmste Bevölkerungsschicht wird es immer schwieriger mitzuhalten und die stark steigenden Lebenserhaltungskosten zu decken. Neue Probleme könnten dadurch wieder entstehen.

Für die ärmste Bevölkerungsschicht wird es immer schwieriger, mitzuhalten.

Kalkutta hat einen schlechten Ruf in der Welt, galt lange Zeit als Armenhaus Indiens. Stimmt dieser Ruf heute immer noch?

Ich möchte Armut und Leid nicht miteinander vergleichen, denn für den Betroffenen fühlt es sich wohl immer schlecht an. Armut gibt es und ich habe sie in allen indischen Städten gesehen. Ich sehe einen wachsenden Wohlstand eines großen Teils der Bevölkerung und ich habe auch die Slums gesehen und die Menschen, die am und vom Müllberg leben. Beides sind Gesichter dieser Stadt und dazwischen ist das reale Leben. Es ist bereits viel an Gutem geschehen und es gibt noch viel zu tun.

Die meisten Menschen, die in Armut leben, haben es sich nicht freiwillig ausgesucht und wenn man ihnen Wege aufzeigt, wie sie ihre Situation verändern können, dann haben sie eine Wahl.

Befindet sich Kolkata Ihrer Meinung nach im wirtschaftlichen Aufschwung? Oder behindert Kalkuttas Ruf in gewisser Weise seinen Weg zum Aufschwung?

Kolkata befindet sich definitiv im wirtschaftlichen Aufschwung. Es wird viel in neue Wohnmöglichkeiten und die Infrastruktur investiert. Arbeitskräfte sind mehr als genug vorhanden und auch das Ausbildungsniveau steigt. Vielleicht ist Kolkata besser als ihr Ruf. Aber behindernd scheint es zumindest für mich nicht zu sein.

Vielen Dank für das Gespräch!

Patrick TichyPatrick Tichy, 34, wurde in Tschechien geboren und wuchs in Wien/Österreich auf. Er studierte Marketing und Vertrieb und nach mehr als acht Jahren in verschiedenen Managementpositionen im Pharmabereich entschloss er sich, nach Indien zu gehen um ein soziales Projekt zu leiten.

Bereits während seines Studiums sozial engagiert, wurde er schließlich Mitbegründer und ehrenamtlicher Obmann des Projektes LIVING INDIA, für das er seit fünf Jahren arbeitet. Dieser Verein, der 2011 als Projekt in die Organisation ADRA Österreich eingegliedert wurde , unterstützt seit mehr als fünf Jahren ein Waisenheim mit angeschlossener Schule und Berufsausbildungszentrum .

Seit Juli 2011 ist Tichy direkt vor Ort und leitet verschiedene Entwicklungsprojekte rund um das unterstützte Waisenheim „Springs of Life“, in dem 160 Kinder untergekommen sind.

www.living-india.at 
adra-xl.blogspot.com

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