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Wenn wir in der Lage wären, das Elend und das Chaos und den Dreck und den Gestank zu ignorieren, könnte es sicherlich Spaß machen…

Verkehr in Kalkutta. Bild: Benjamin Streeck

15.11.2011: Die Hauptstadt Bengals ist eine britische Kunststadt. Sie ist nicht gewachsen, von einem kleinen bengalischen Dorf zur Hauptstadt von British India, sondern wurde aus dem Nichts gestampft von den größenwahnsinnigen Briten. Breite Alleen verleihen der Stadt heute noch einen majestätischen Hauch von Größe, doch die mehrere Stockwerke hohen Gebäude mit einst prächtigen Fassaden, zeigen den Zustand dessen, was aus der Illusion Kolkata geworden ist.

Man kann nicht eine Stadt bauen lassen von tausenden einheimischen Arbeitern und diese nach Abschluss der Bauarbeiten in den Slums links liegen lassen, während man sich auf europäischem Standard in Wohlergehen suhlt. Nach mehreren Revolten kamen auch die Briten auf die Idee, es müsse etwas für die einfachen Menschen getan werden, doch viele der beschlossenen Maßnahmen endeten im Leeren oder führten langfristig zu anderen Katastrophen: gesetzlich unterbundene Mieterhöhungen sollten Wohnraum langfristig bezahlbar machen, und so erhalten Vermieter noch heute für manche Wohnungen wenige Rupien Miete, also zerfallen die Häuser schneller als neue gebaut werden können.

Kalkutta

Blumenmarkt Kalkutta. Bild: Benjamin Streeck

Kalkutta

Müll auf Kalkuttas Straßen. Bild: Benjamin Streeck

Nur mit diesem Hintergrund ist zu verstehen, was man heute auf den Straßen von Kolkata sieht: Obdachlosigkeit und Armut inmitten der zerfallenden Pracht einer vergangenen Zeit. Breite Bürgersteige werden bewohnt von obdachlosen Familien, am Bordstein im Müll sitzend wird gegessen und sich gewaschen. Werden sie nicht bewohnt, enden die meisten abrupt in längst verlassenen Baustellen oder sind zu Müllkippen umfunktioniert worden. Ob diese Stadt wirklich so viel mehr Elend vorzuzeigen hat als andere indische Städte, wissen wir nicht, aber es sticht krasser heraus, inmitten der Gebäudefassaden von Einst. Wenn wir in der Lage wären, das Elend und das Chaos und den Dreck und den Gestank zu ignorieren, könnte es sicherlich Spaß machen, die architektonischen Leistungen abzulaufen und zu bestaunen. Wir waren nach drei Wochen Indien hierzu nicht mehr in der Lage. www.horizonte-erweitern.net

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