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Pallavi Mukherjee kommt aus Kalkutta. Im Gespräch über ihre Heimatstadt berichtet die junge Deutschlehrerin über den Stolz ihrer Einwohner und offenbart Kalkutta als die Stadt der faulen Feinschmecker und der schönen Frauen.

Deutschlehrerin Pallavi Mukherjee vor dem Taj Mahal in Agra

Deutschlehrerin Pallavi Mukherjee vor dem Taj Mahal in Agra

Pallavi, du wurdest in Kalkutta geboren und bist dort aufgewachsen. Die Stadt ist deine Heimat. Wie würdest Du sie einem Fremden beschreiben?

Kalkutta ist eine kosmopolitische Stadt, was man schon daran sieht, dass hier alle Religionen – wie in ganz West Bengalen – ihre staatlichen Feiertage haben. Es gibt das ganze Jahr über  islamische, christliche und natürlich hinduistische und Feste und Feiertage – ein Vorteil für uns berufstätige Menschen.

Kalkutta ist außerdem sehr lebhaft und bunt. Sie ist eine freundliche Stadt und die Lebenskosten sind hier sehr niedrig.

Kalkutta ist lebhaft und bunt. Sie ist eine freundliche Stadt.

Was ist für Dich das Besondere, das Einzigartige an der Stadt? Was fasziniert dich an ihr?

Wenn ich manchmal abends am Ganga-Ghat [Anm.: Treppen, die zum Wasser des Ganges führen) stehe, finde ich den Blick rundherum einfach nur faszinierend und inspirierend. Der Ganges und seine Ufer sind einzigartig.

Außerdem mag ich die alte Tram, die Howrah Bridge, das Victoria Memorial – und heiße Rosogullas [Anm.: weiße Sirupbällchen mit einem Schuss Rosenwasser – eine Spezialität Bengalens und Orissas].

Frauen beim Waschen auf den Straßen Kalkuttas

Was gefällt dir nicht an der Stadt? Gibt es etwas, was du an ihr hasst?

Ich hasse den Müll, den Staub und den Gestank  auf den Straßen. Außerdem sind der Verkehr und der schlechte Zustand der Straßen oft fürchterlich. Manchmal benötigt man für eine kurze Strecke Unmengen an Zeit.

Was ist dein Lieblingsplatz in Kalkutta?

Lake, Safari Park in der Nähe von Golpark.

Wie würdest du die Atmosphäre der Stadt beschreiben?

Lebhaft und freundlich.

Ich kann nicht sagen, dass ich stolz auf Kalkutta bin. Aber ich liebe Kalkutta trotzdem.

Wenn du Kalkutta in drei Wörtern beschreiben solltest, welche wären das?

Straßenumzüge, Victoria Memorial, und schöne Frauen.

Bist du stolz auf Kalkutta?

Ich kann nicht sagen, dass ich stolz auf Kalkutta bin. Aber ich liebe Kalkutta trotzdem. Trotz aller Probleme, der Slums und der Armut, weil meine Kindheit, meine Erziehung und gute Erinnerungen mit dieser Stadt verbunden sind.

Glaubst du, die Einwohner von Kalkutta sind generell stolz auf ihre Stadt?

Nicht alle, aber viele Einwohner mit bengalischer Herkunft sind stolz auf ihre Stadt, weil Kalkutta der Geburtsort vieler einflussreicher Menschen im Bereich der Literatur, Kunst, Kultur ist. Sie sind nicht nur stolz auf unsere Stadt, sondern wegen der reichen bengalischen Literatur auch auf unsere Sprache.

Rikschazieher repariert sein Gefährt

Wie würdest du die Menschen aus Kalkutta charakterisieren?

Sie sind faul, emotional, freundlich und unpünktlich. Sie sind außerdem große Feinschmecker und schlafen und essen gerne. Eigenschaften, die ich auch besitze. Manchmal fehlt es ihnen jedoch an Stadtsinn, da sie oft die Stadt verschmutzen.

Nervt es dich eigentlich, wenn die Menschen immer noch Kalkutta sagen anstatt den offiziellen, neuen Namen Kolkata zu benutzen – oder ist dir der alte Name lieber?

Nein, es nervt mich gar nicht. Mir ist der alte Name „Calcutta“ lieber.

Kalkutta bedeutet für mich Freunde, Familie, Feste und leckeres Essen.

Fühlst du dich wohl in Kalkutta?

Ja, ich fühle mich sehr wohl in Kalkutta.

Stören dich der Gestank, der Lärm und der Müll auf den Straßen – Dinge, die vielen Europäern lange noch in Erinnerung bleiben. Oder nimmst du als dort Geborene so etwas gar nicht mehr wahr?

Ich schäme mich, wenn Europäer diese Sache wahrnehmen. Ja, es stört mich sehr, weil ich kein Wort und keine Erklärung dafür habe. Es ist unsere Stadt, unsere Umgebung und wir machen sie schmutzig – wir sind manchmal ziemlich ignorant.

Auch in den guten Gegenden der Stadt, wo viele Auslandsvertretungen angesiedelt sich, liegt um die Ecke Müll und die Leute verrichten ihre Notdurft auf der Straße. Alle wissen, dass sich viele Ausländer dort aufhalten, aber niemand beschwert sich darüber.

Viele Ausländer denken oft als erstes an soziale Probleme, Slums und Armut, wenn Sie an Kalkutta denken. Ist das auch ein Thema bei dir und deinen Freunden?

Ich bin mit diesen Problemen aufgewachsen und bin daran gewöhnt. Kalkutta ist meine Heimat und es gehört ein Stück weit dazu.

Diese Probleme stören uns zwar, aber dennoch bedeutet Kalkutta für  uns nicht soziale Probleme, Slums und Armut sondern Freunde, Familie, Feste und leckeres Essen. Ich denke, soziale Probleme und Armut gibt es mehr oder weniger auch in anderen Städten und Ländern, auch wenn sie in Kalkutta schon ziemlich groß sind.

Wir müssen auf sinnvolle Weise für unsere Rechte kämpfen.

Ich habe Freunde, die zum Arbeiten  in andere Großstädte von Indien gezogen sind. Viele von ihnen sind dort nicht glücklich und haben Heimweh. Sie sagen: „Wäre ich nur in Kalkutta geblieben“. Wenn sich ihnen die Chance böte, würden sie sofort wieder nach Kalkutta zurückkehren.

Wo liegen deiner Meinung nach die Probleme der Stadt?

Die steigende Bevölkerungszahl und Armut sind die größten Probleme der Stadt. Dazu kommt, dass die Politiker gefährlich sind. Dennoch ist Kalkutta mein Geburtsort und ich fühle mich mit meiner Stadt verbunden.

Was meinst du damit, die Politiker sind gefährlich?

Viele Politiker sind korrupt oder werden damit assoziiert.

Junge sitzt auf dem Straßen-Mittelstreifen und spielt mit Dreck

Junge sitzt auf dem Straßen-Mittelstreifen und spielt mit Dreck

Was müsste sich ändern, damit diese Probleme verschwinden?

Die Denkweise der Menschen muss sich ändern. Wir müssen auf sinnvolle Weise für unsere Rechte kämpfen. Doch wir akzeptieren jede Situation stillschweigend.

Was fehlt Kalkutta? Was würdest du dir für die Stadt wünschen?

Ich wünsche mir für meine Stadt mehr Sauberkeit, mehr Bäume, Parks und frische Luft. Und außerdem gute Arbeitsbedingungen.

Kalkutta hat einen schlechten Ruf in der Welt und galt lange Zeit als ärmste Stadt Indiens. Stimmt dieser Ruf deiner Meinung nach?

Kalkutta ist nicht die ärmste Stadt in Indien. Die Zustände in den Bundesstaaten Bihar, Orissa und Madhya Pradesh sind noch schlechter. Nur Kalkutta Slums sind sehr berühmt.

Verbessert sich die wirtschaftliche Situation Kalkuttas allmählich?

Ja, ich denke, dass sich Kalkutta im Aufschwung befindet und sich neben anderen Großstädten wie Delhi, Mumbai und Bangalore etablieren will.

Insgesamt sehe ich keinen sozialen Fortschritt.

Behindert Kalkuttas Ruf seinen Weg zum Aufschwung?

Ja, ich denke das ist der Fall.

Wenn du einmal zurückblickst, wie hat sich die soziale Situation in den letzten Jahrzehnten verändert? Früher starben alte und kranke Menschen auf den Straßen, viele Kinder verhungerten. Siehst du einen sozialen Fortschritt?

Heutzutage sterben immer noch Menschen auf den Straßen und viele Kinder verhungern. Insgesamt sehe ich keinen sozialen Fortschritt. Die alten Probleme bestehen weiterhin. Aber es gibt inzwischen mehr Arbeitsplätze, unter anderem durch den Bau vieler Hochhäuser.

Kannst du bestimmte Strömungen oder Trends ausmachen, etwa unter den Jungendlichen? Was denken sie?

Nein, ich kann nicht bestimmte Trends ausmachen, Kalkutta befindet sich in einem großen Chaos. Die meisten Jugendlichen wollen eine sichere Arbeitsstelle haben und die große Karriere machen. Leider kenne ich keine Jugendlichen, die etwas für ihre eigene Stadt tun möchten.

Der Staat ist sowieso verantwortungslos.

Wie wird sich die Stadt zukünftig entwickeln, was denkst Du wird sich ändern?

Die Stadt wächst in die Höhe, es werden noch mehr Hochhäuser und noch mehr „Flyovers“ [Anm.: Brücken der Stadtautobahn]. Ich denke, die Infrastruktur wird sich insgesamt verbessern und es werden vielleicht mehr Arbeitsplätze entstehen.

Ich denke, dass sich die Bildungssituation verbessern wird. Die Verbesserung der Lese- und Schreibfähigkeit wird viele Probleme lösen.

Ich denke auch, dass es mehr Nahrungsmittel für ärmere Leute geben und die Bevölkerungszahl abnehmen wird.

Was denkst du über die Arbeit der vielen Hilfsorganisationen, die in vielen Bereichen von Kalkutta tätig sind? Ist dieses Wirken notwendig oder müsste sich eigentlich der Staat darum kümmern?

Das Engagement dieser Hilforganisationen finde ich sehr wichtig. Der Staat ist sowieso verantwortungslos. Vielen armen Kindern wird mit durch Arbeit dieser Hilfsorganisationen geholfen.

Vielen Dank für das Gespräch!

Pallavi Mukherjee arbeitet als Deutschlehrerin an der öffentlichen Delhi Public School in Kalkutta, wo sie auch geboren und aufgewachsen ist. Die 25-Jährige studierte an der University of Calcutta Wirtschaftswissenschaften, Mathematik und Physik. Neben Bengalisch, Hindi, Deutsch und Englisch spricht sie auch etwas Spanisch. Ihr Wunsch ist es, einmal nach Deutschland zu reisen.


Fotos: Michael Dommel

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