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Am Straßenrand und zum Teil zwischen den Autos laufen Kühe, Ziegen, Hunde und Schweine.

11.11.2011: Wer Karussells liebt, wird auch den indischen Verkehr mögen. Rasant, atemlos, adrenalintreibend, laut und chaotisch ist das, was sich auf Kalkuttas Straßen abspielt.

Schwester Jossy sagt: ” Es gibt keine Verkehrsregeln außer einer: keine Regeln”. Und genau so ist auch der erste Eindruck, als wir aus dem Flughafen treten. Die Taxen parken wahllos, hupen pausenlos und man muss aufpassen, dass sie einem die Koffer nicht aus der Hand fahren. Auf der Strasse fahren Autos, Motorräder, Lastwagen, Rykschas und Fahrräder. Meistens gehen noch Leute zwischen den Vehikeln herum. Am Rand und zum Teil zwischen den Autos laufen Kühe, Ziegen, Hunde und Schweine.

Der gemeine Autofahrer in Kalkutta kennt nur ein Tempo – Vollgas. Das heißt, die zehn Meter bis zum nächsten Hindernis legt er nie gemächlich, sondern immer mit durchgetretenem Gaspedal zurück und bremst dann nur Millimeter vor den vorfahrenden Verkehrsteilnehmern. Schwache Gemüter rufen dann schon mal: “Stop, stop, there is a truck coming!” Denn trotz Linksverkehr gilt hier Darwins Theorie vom Überleben der Stärkeren. Ist die andere Fahrbahn glatter und besser befahrbar, wird die genutzt und erst kurz vor dem Gegenverkehr wieder in die eigene Spur eingeschert – bei vollem Tempo versteht sich.

Die meisten Strassen in den Städten sind einigermaßen gut nutzbar, aber sobald man sich Richtung Land bewegt, gibt es kaum noch geteerte Wege. Schotter, Sand, Matsch und Löcher, die manchmal bis zu einem halben Meter (sic!) tief sind, bestimmen hier das Verkehrsleben. Auf unserem Weg von Kalkutta nach Pandua hatten wir einen Teufelsfahrer, der anderthalb Stunden fast pausenlos gehupt hat und Slalom um die Löcher und meistens auf der Gegenseite gefahren ist. Dafür waren wir schnell vor Ort und die Schwestern haben uns versichert, dass er “einer der besten Fahrer ist”. Da mag das Gebet vorher hilfreich gewesen sein.

Viele Vehikel hier dienen noch als reines Transportmittel. So haben wir schon Motorräder gesehen, auf denen vier Personen saßen, Motorrykschas mit mehr als zehn Personen an Bord, Geländewagen mit fast 20 Personen, die im Wagen, auf dem Dach und außen an der Reling festgeklammert waren. Überlandbusse und Züge sehen ganz ähnlich aus. Vor allem die local trains sind pickepacke voll. Dementsprechend voll ist es auch auf den Bahnhöfen. Die Menschen warten meistens lange auf die Züge, obwohl einige auch auf die Minute pünktlich abfahren. In den Bahnhöfen machen es sich die Leute gemütlich, einige legen sich zum Schlafen auf den Boden, anderen machen Picknick. Verkäufer bieten Chai, Kaffee und kleine Snacks wie Chapati, Samosas oder ähnliches an. Die Schienen überqueren viele Inder nicht mit Hilfe der Brücke, sondern über die Gleise. Das geht auch schneller und man hat mehr Zeit zum Warten.

Denn das Warten ist neben dem Tempo, den nicht existenten Regeln und dem Hupen ein weiteres Element im indischen Verkehr. Wegen des hohen Verkehrsaufkommens gibt es häufig zur Rush Hour Stau. Manchmal verlangsamen die Tiere auf der Straße oder Träger das schnelle Fortkommen, manchmal versperren Bauarbeiten den Weg. Die Strassen sind dann lediglich mit grossen Steinen etwas abgesichert. Auch eine Brücke, deren Pfeiler durch den starken Lkw-Verkehr beschädigt ist, wurde nur mit einem Steinhaufen abgesperrt, über den natürlich alle Fußgänger steigen und auch die Motorradfahrer hieven ihre Räder darüber. An Bahnschranken wartet man manchmal bis zu einer halben Stunde. “In der Zeit hättet ihr es bis nach Deutschland geschafft”, sagen die Schwestern dann gerne. Denn ungeduldig sind die Inder dann trotzdem.

Chantal Tajdel ist freie Journalistin aus Köln und begleitete 2011 eine kleine, private Hilfsorganisation in Indien, deren Projekte unter anderem auch in Kalkutta umgesetzt werden.www.blausause.de

Fotos: Michael Dommel

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