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Christian Noçon spielt leidenschaftlich gern Sitar. So gern, dass er von Hamburg nach Indien zog, um das klassische indische Zupfinstrument in Kalkutta zu studieren. Im Interview spricht er über den Kulturstandort Kalkutta, die Aufbruchsstimmung in der Stadt, von populärem Heavy Metal und nervigem Gehupe.

Christian Nocon 2008 in Berlin bei der Benefiz-Veranstaltung "Artists4Tibet"

Herr Noçon, vor zehn Jahren besuchten Sie zum ersten Mal Kalkutta. Können Sie sich noch an ihre ersten Eindrücke von der Stadt erinnern?

Als ich damals das erste Mal nach Kalkutta kam, machte die Stadt einen recht finsteren und abweisenden Eindruck auf mich. Alles wirkte auf mich sehr anonym und unzugänglich, die Stadt schien mir wegen der Unübersichtlichkeit und der Menschenmengen geradezu beängstigend.

Seitdem bereisten Sie Kalkutta immer wieder und leben seit mittlerweile über einem Jahr dort. Wie hat sich Kalkutta in den letzten zehn Jahren verändert?

Dass hier jahrzehntelang die gleiche Partei regiert hat [Anm.: Die Communist Party of India (Marxist) regierte von 1977 – 2011 ununterbrochen in West-Bengalen], scheint die Veränderung und Erneuerung der Stadt bis vor kurzem beeinträchtigt zu haben. Ich persönlich denke, das der Wahlsieg der Trinamul-Kongress Partei Anfang 2011 nun die Möglichkeit für einen Wandel und eine Weiterentwicklung der Stadt wieder eröffnet hat. Eine positive Entwicklung ist auch die allmähliche Abkehr von den früher häufiger vorkommenden „Bandhs“, d.h. Streiks, die mit Sicherheit kein gutes Licht auf die Arbeitskultur in der Stadt geworfen haben.

Die Infrastruktur hat sich um einiges verbessert

Wie hat sich das Stadtbild verändert?

An den Stadträndern, vor allem entlang des Eastern Metropolitan Bypass, entstanden in den letzten Jahren viele Bauprojekte für neue Wohngebiete für die wachsende, wohlhabende Mittelschicht. Die Infrastruktur hat sich ebenfalls um einiges verbessert, trotzdem lassen die öffentlichen Transportmittel insgesamt weiterhin eher zu wünschen übrig.

Straßenbahn in Kalkutta

Als Sie 1995 das erste Mal in Indien waren, entdeckten Sie die Sitar für sich und kamen regelmäßig nach Indien zum üben. Was fasziniert Sie so an der Sitar?

Mich fasziniert die Vielfalt der Klangfarben, die man mit der Sitar hervorbringen kann. Zudem mag ich den Freiraum für Improvisation, den die klassische indische Musik bietet.

Kalkutta hat eine sehr lebendige Musikszene, es finden Musikfestivals auf hohem Niveau statt.

Warum sind Sie ausgerechnet in Kalkutta so oft gewesen?

In Kalkutta gibt es eine sehr lebendige Musikszene der klassischen indischen Musik. Auch finden hier viele Musikfestivals auf hohem Niveau statt. Das alles stellt eine große Herausforderung für mich als Musiker dar, aber daran wächst man natürlich auch.

Heute studieren Sie das Sitar-Spiel an Kalkuttas Rabindra Bharati Universität. Wie studiert es sich in Kalkutta?

Im Vergleich zu Deutschland ist hier vieles nicht so straff organisiert und durchgeplant. Zwar gibt es hier natürlich auch Unterrichtspläne, diese werden allerdings nicht so strikt eingehalten, d.h. mal fällt etwas aus, dafür wird dann zu einem anderen Zeitpunkt etwas anderes spontan unterrichtet. Für mich als Deutschen war es zunächst etwas schwierig, sich daran zu gewöhnen, aber mittlerweile komme ich ganz gut damit zurecht.

Im Spannungsfeld zwischen europäischer Philosophie und indischer Spiritualität liegt ein kreatives Potential

Kalkutta gilt seit jeher als die kulturelle Hauptstadt Indiens. Warum eigentlich?

Kalkutta war früher die Hauptstadt Britisch-Indiens, und so trafen hier schon im 19. Jahrhundert westliche kulturelle Einflüsse und die klassische Kultur Indiens aufeinander und befruchteten sich gegenseitig. Bereits in den Werken von bedeutenden Persönlichkeiten der bengalischen Renaissance wie Ram Mohan Roy, Bankim Chandra Chattopadhyay und Rabindranath Tagore zeigt sich diese Begegnung und Verschmelzung von europäischer Philosophie und indischer Spiritualität. Im Spannungsfeld dieser zwei Pole liegt ein kreatives Potential, das auch heute noch ein wichtiger Grund für die Kulturvielfalt in der Stadt ist.

Rabindranath Tagore Haus - Museum des bekannten indischen Dichters, Philosophen, Musikers und Malers

Wie würden Sie die Kulturszene in Kalkutta beschreiben – ist sie größer, lebendiger oder spezieller im Vergleich zu anderen indischen Städten?

Zwar fehlt mir etwas der Vergleich zu den anderen Metropolen Indiens, weil ich mich nie lange in Delhi oder Mumbai aufgehalten habe. Dennoch finde ich, dass Kalkutta ein ungewöhnlich großes Spektrum in der Kulturszene hat. Die West-Bengalen werden ja nicht umsonst als recht intellektuell und kunstbegabt bezeichnet. Ob es nun Filmfestivals, Vernissagen oder eben Konzerte unterschiedlichster Stilrichtungen sind, hier gibt es das ganze Jahr über immer viele kulturelle Veranstaltungen.

Der Autor Rainer Krack schreibt in seinem Buch „Kulturschock Indien“ über Kalkutta: „Die ständige Konfrontation mit den Negativ-Aspekten der menschlichen Existenz machen selbst dem „normalen“ Mitbürger zum Philosophen.“ Glauben Sie, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Elend und dem Geist der Stadt gibt?

In Kalkutta wird man in der Tat häufiger und unmittelbarer als in vielen anderen Städten mit menschlichem Elend und Leid konfrontiert. Auch die ständige Präsenz von Menschenmassen im Alltag trägt wohl einiges dazu bei, dass jeder sein eigenes Verhalten in Bezug auf die Mitmenschen in seiner alltäglichen Umgebung stärker reflektiert, als das vielleicht in anderen Gegenden der Fall sein würde. Zumindest geht es mir so, seitdem ich hier wohne und viel mit den Einheimischen zu tun habe, die es eben gelernt haben, sich mit den alltäglichen Schwierigkeiten des Zusammenlebens in der Stadt zu arrangieren.

Stimmt es, dass Heavy Metal in Indien, speziell aber in Kalkutta, sehr populär ist?

Ja, gerade beim jüngeren Publikum und in der Studentenszene ist Heavy Metal recht gefragt.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich denke, dass einerseits Virtuosität hier hochgehalten wird – und viele Heavy Metal-Musiker spielen ja sehr virtuos. Andererseits assoziiert man mit dieser Art von Musik natürlich auch Rebellion und Aggression. Viele junge Leute in der Stadt haben eine modernere und liberalere Lebenseinstellung und Lebensplanung als die zumeist eher traditionell erzogene Generation ihrer Eltern. Manche fühlen sich daher von ihren Eltern unter Druck gesetzt, was Berufswahl oder Planung von Hochzeit und Familie angeht. Da kann diese Art von Musik als Ventil dienen, über das Frustrationen und Aggressionen abgelassen werden.

Welches ist Ihre Lieblingskulturstätte in Kalkutta?

Ich mag die Academy of Fine Arts am Maidan. Dort gehe ich ab und zu hin, um mir die wechselnden Ausstellungen anzuschauen. Manchmal treffe ich dann dort auch Maler oder Malerinnen an, mit denen ich befreundet bin.

Academy of Fine Arts Kolkata

Sie kennen die Stadt, kennen die Gepflogenheiten des Landes. Sie gehen in Kalkutta essen, schlafen, arbeiten und haben einen ganz normalen Alltag. Werden Sie immer noch als Westler angesehen?

Egal wie sehr man sich bemüht, sich zu integrieren, gibt es doch erziehungsbedingt Unterschiede, die einen in gewisser Weise von den Einheimischen abgrenzen. Das äußert sich vor allem in den Umgangsformen, die doch teilweise recht unterschiedlich sind, was dann mitunter zu Missverständnissen führen kann. Dennoch habe ich hier mittlerweile viele bengalische Bekannte und Freunde gefunden, mit denen ich mich sehr gut verstehe. Es kommt vor allem darauf an, Unterschiede zu verstehen und tolerieren zu können.

Es geht häufig lebendiger und hitziger zu, als man gerade als Norddeutscher gewohnt ist

Wie würden Sie die Einwohner der Stadt charakterisieren? Viele attestieren den Bengalen ja eine gewisse Heißblütigkeit – merkt man das?

Ich würde die Einwohner Kalkuttas als freundlich, emotional und humorvoll beschreiben. Man merkt diese Gefühlsbetontheit daran, wie hier diskutiert wird. Es geht dann schon häufig wesentlich lebhafter und hitziger zu, als man das gerade als Norddeutscher gewöhnt ist.

Wie gehen Sie mit dem Dreck, Gestank und der Armut auf den Straßen um? Stumpft man mit der Zeit ab?

Das ist eine zwiespältige Sache, zum einen tritt mit der Zeit schon so eine Art Gewöhnungseffekt ein. Denn wenn man diese Dinge jeden Tag sieht, wird manches einfach automatisch ausgeblendet, egal ob man das möchte oder nicht.

Einer der wenigen Müllbehälter auf der Straße

Also nimmt man diese Dinge irgendwann gar nicht mehr wahr?

Man nimmt sie nicht mehr so intensiv wahr, wenn man nicht gerade seine Aufmerksamkeit bewusst darauf richtet. Diese Zustände vom Verstand her zu akzeptieren, fällt mir trotzdem immer noch genauso schwer wie am Anfang, als ich das erste Mal in die Stadt kam. Leider ist es ja so, das gerade die Ärmsten der Armen die geringsten Mittel haben, um auf ihre Probleme aufmerksam zu machen und Einfluss auf die eigentlich Verantwortlichen auszuüben.

Aber im Alltag ist man dann ja leider Gottes doch meistens eher mit anderen Dingen beschäftigt.

Die Einwohner Kalkuttas sind freundlich, emotional und humorvoll

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in Kalkutta?

Mir gefällt der Dakshineshwar Tempel und Belur Math im Norden der Stadt. Dort am Hooghly kann man manchmal der Hektik und dem Trubel der Stadt etwas entfliehen – nur komme ich viel zu selten dazu.

Gibt es auch etwas, dass Sie an Kalkutta hassen?

Der Lärm und das ständige Gehupe im Straßenverkehr stören mich.

Wie würden Sie ganz allgemein die Stimmung in der Stadt bezeichnen? Gibt es so etwas wie eine Aufbruchsstimmung?

Nach dem Regierungswechsel in West-Bengalen Anfang dieses Jahres ist hier schon eine Art von Aufbruchsstimmung zu verspüren. Viele Einwohner sehen Mamata Banerjees [Anm.: seit 20. Mai 2011 Chief Minister (vergleichbar dem deutschen Ministerpräsidenten) von West-Bengalen] Ankündigung, Kalkutta zu modernisieren, erwartungsvoll entgegen.

Wollen Sie sich später einmal in Indien richtig niederlassen – oder kehren Sie irgendwann nach Deutschland zurück?

Nach dem Abschluss meines Studiums werde ich wahrscheinlich nach Deutschland zurückkehren, denn dort möchte ich auch weiterhin unterrichten. Ich hoffe, dass sich dann dort neue Möglichkeiten im musikalischen und beruflichen Bereich ergeben.

Vielen Dank für das Gespräch!

Christian Noçon, 38, besuchte 1995 das erste Mal nach Indien – und entdeckte die Sitar für sich. Seit dem bereist er regelmäßig Land und kommt immer wieder nach Kalkutta, um die Beherrschung des klassischen indischen Zupfinstruments, das zur Gruppe der Langhalslaute gehört, zu perfektionieren.

Seit Mitte 2010 lebt der gebürtige Hamburger nun ständig in der Stadt, da er mit einem Stipendium des ICCR (Indian Council for Cultural Relations) an der Rabindra Bharati Universität Instrumentalmusik mit Schwerpunkt Sitar studiert.

Noçon gibt auf internationalen Bühnen Konzerte und tritt in verschiedenen Radio- und Fernsehsendungen damit auf, wie etwa im deutschen RBB Kulturradio und im Doordarshan TV in Indien. Darüber hinaus gibt Noçon Sitar-Workshops und arbeitet als Studiomusiker.

www.christian-nocon.com
www.myspace.com/christiannocon


Fotos 2-5: Michael Dommel

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