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Mai 2011 in Kalkutta: Es ist heiß und trocken, Temperaturen um die 40 Grad. Vereinzelt macht sich der bevorstehende Monsun bemerkbar und lässt Wassermassen aus dem Himmel fallen. Stefan Stoppok und Regisseur, Fotograf und Kameramann Sebastian Niehoff befinden sich zu Musikaufnahmen in der Stadt und beschließen spontan, ein Musikvideo auf den Straßen von Alt-Kalkutta zu drehen. Heraus kam das Video „Tanz“ – eine Solointerpretation des Titels. Im Gespräch mit Michael Dommel berichtet Stefan Stoppok von seiner skurrilen Unterkunft, erhellenden Momenten und dem Sound der Krähen.

Stefan Stoppok

Stefan, warum wart ihr eigentlich in Kalkutta?

Ich war mit Sebastian (Sebel) eigentlich da, um ein schon lange vorgehabtes Projekt zu realisieren: Zusammen mit traditionellen indischen Musikern haben wir ein Album mit Stücken von Rabindranath Tagore, dem großen bengalischen Poeten, aufgenommen. Ich war zwei Wochen da, Sebastian eine und wir haben in dieser Zeit fast 25 Titel eingespielt. Das Album „We and Tagore“ stand später an der Spitze der bengalischen Charts.

Habt ihr die Gedichte von Tagore also vertont?
Tagore war nicht nur Maler, Dichter und Philosoph, sondern auch Musiker. Diese Stücke haben wir aufgenommen und einige Lieder sind auch von unseren indischen Musikern rund um den Pianisten Sourendro geschrieben worden.

Es herrschte eine Irrsins-Atmosphäre.

Trotz einiger Planung ist dennoch alles sehr spontan abgelaufen, so wie vieles in Indien nunmal verläuft. Für mich war das eine echte Herausforderung. Ich habe damals 12-saitige Gitarren gespielt – und das zu deren krummen Takten! Ich hab sie immer vorher gelöchert und gesagt: Was wollt ihr denn überhaupt machen? Sie antworteten nach dem Motto: „Ja das wird sich schon ergeben“.

Aber letztlich war es wie beim Straßenverkehr: Am Anfang wirkte er wie ein Riesenchaos, durch das man nicht durchblickt, aber am Ende fädelt sich doch alles ein. So war es auch mit der Musik: Am Ende funktionierte eben doch alles irgendwie. Das finde ich faszinierend.

Wie kam es zum Dreh eines Musikvideos?

Stefan Stoppok in Kalkutta 2011. (c) Sebastian Niehoff (Sebel)

Der Musikvideodreh zu „Tanz“ war spontan. Wenn wir schon einmal da sind, so dachten wir, wäre das eine nette Geschichte. Für die Leute dort war das ziemlich ungewöhnlich, dass sich dort jemand auf die Straße setzt und ein Instrument spielt. Das kennen die gar nicht.

Wo und in was für einer Umgebung habt ihr gedreht?

Wir hatten einen Vorteil, den wir nicht im Geringsten erwartet hätten: Der Pianist des Projekts, Sourendro, mit dem ich hier auch schon in Deutschland Sachen gemacht habe, der wohnt mit seinem ganzen Clan und seiner ganzen Familie in Kalkutta im Marble Palace.

Wir lagen unter den alten Ventialotoren und dachten: absolute Weltreise!

Dort haben auch wir gewohnt und in dessen Umgebung fand auch der Dreh statt. Eigentlich hatte Sebel noch eine andere Straße entdeckt und wollte dort filmen. Aber die indischen Musiker haben uns davor gewartn und unmissverständlich gesagt: „Da dürft ihr nicht hin, dort herrscht ein anderer Clan“. Da würden wir ziemlichen Ärger bekommen. Somit blieben wir rund um den Bereich des Marble Palace, welcher zu ihrem Einzugsgebiet gehörte. Das war dicht an der Grenze zum muslimischen Teil, dort herrschte eine Irrsinns-Atmosphäre. Das allein ist schon völliger Wahnsinn.

Der bekannte Marble Palace: ein altes Herrenhaus, eine Villa im Kolonialprachtbau-Stil von 1835. Er ist eines der gut erhaltenen Gebäude des alten Kalkuttas. Der Marble Palace gehörte einem wohlhabenden bengalischen Sammler und ist heute ein halb-öffentliches Museum mit Ansammlungen skurriler Kunstobjekte. Wie habt ihr dort gewohnt?

Das war total aberwitzig! In dem nicht-öffentlichen Teil lebte die Familie unseres Pianisten – und wir konnten ebenfalls in seinen Räumlichkeiten wohnen.

Marble Palace Kalkutta. (c) Michael Janich under CC BY-SA 3.0-Licence

Erstaunlich, denn normalerweise benötigt man eine Extra-Genehmigungen, um dort überhaupt reinzukommen, alles ist bewacht und Fotografieren ist strengstens verboten.

Ich habe da tausend Fotos gemacht! Unfassbar, völlig skurril. Wir haben da inmitten dieser veralteten Umgebung geschlafen, zwischen dieser heruntergekommenen Elektrik – da könnte man sofort einen Film um die Jahrhundertwende drehen. Die Steckdosen, die alten Ventilatoren – und du liegst darunter und denkst: absolute Zeitreise.

Dazu die Vogelkäfige, die überall herumstehen.

Wir haben direkt zum Innenhof im Zimmer geschlafen und hatten die ganze Zeit die Geräusche der Vögel. Alle paar Tage sind die Ventilatoren stehengeblieben und die Angestellten mussten die Kohlestifte der Ventilatoren auswechseln, das war ja noch alte Technik.

Stefan Stoppok im Marble Palace. (c) Sebastian Niehoff (Sebel)

Wirklich Hammer! Die Familie von Sourendro, dem Pianisten, wohnt da und ein Zoo ist da auch – völlig bizarr. Obwohl im Palast Alkoholverbot ist, haben Sebel und ich darauf bestanden, Alkohol zu trinken. Und so saßen wir am ersten Abend auf der Veranda in dieser Bullenhitze und haben uns kühles Bier bringen lassen. Wir dachten: Ist das jetzt dekadent? Der Marble Palace wird mit Tor und Wächter von der Außenwelt abgeschirmt. Vor dem Tor befindet sich die Dritte Welt und wir sitzen da und trinken unser kaltes Bier. Aber letztlich sitzen wir hier in Deutschland, in Europa, auch nur in unserem Palast und nur die Grenzen sind weiter weg.

Fühltet ihr euch sicher in Kalkutta?
Ja. Wir sind gleich am ersten Tag – erkennbar als Westler – nachts zu zweit losgelaufen, hatten aber keinerlei Probleme. Das war nie problematisch. Wir sind durch die Straßen gelaufen, buchstäblich über die Leute hinüber, aber wir fühlten uns jederzeit sicher.

War das dein erster Indien-Aufenthalt?

Ja.

Was waren deine ersten Eindrücke, als du in Kalkutta angekommen bist?

Der erste Eindruck war zunächst der Flughafen! Ich kenne noch DDR-Flughäfen von früher, weil ich zu DDR-Zeiten öfter im Osten war. Daran hat mich das erinnert. Der Flughafen von Kalkutta war irgendwie unfassbar. Den fand ich ziemlich hart.

Stefan Stoppok: "Diese Eindrücke können keine Bilder einfangen". (c) Sebastian Niehoff (Sebel)

Wie ging es weiter?
Sebel und ich waren morgens um 8 Uhr angekommen. Wir waren noch überhaupt nicht akklimatisiert, hielten uns bis dahin noch in klimatisierten Räumen auf. Dann kamen wir aus der Halle raus und das Wetter traf und wie ein Schlag. Dazu der Geruch – es stinkt nach Scheiße und Abgasen, das ist unglaublich.

Dann wurden wir abgeholt und auf der Fahrt haben wir uns erst einmal umgeguckt! Diese Eindrücke können keine Dokumentationen und keine Bilder einfangen. Wir haben die ganze Zeit über viel gefilmt und haben später festgestellt: Auf Bildern und in Videos sieht das immer romantisch aus, doch keine Kamera kann den ganzen Dreck einfangen – und den Geruch und Lärm sowieso nicht.

Hattest du dich im Vorfeld über die Stadt informiert, wusstest du, was auf dich zukommt?

Nur ein bisschen, weil das alles sehr spontan war. Als der Anruf kam sind wir hin. Ich habe mich da ein bisschen reinfallen lassen.

Du warst ja selber lange Zeit als Straßenmusiker in Europa unterwegs. Wie war das Spielen auf der Straßen Kalkuttas für dich?

Die Musiker in Indien gehören ja eher zu einer gehobenen Kaste, was für mich erst einmal befremdlich war. Denn die Musik ist dort sowas von ergreifend und tief und spirituell. Und bei uns ist es genau umgekehrt, viele gute und intensive Musik kommt gerade von der Straße. Deswegen war es ja auch so faszinierend für mich, dort auf der Straße gespielt zu haben, denn das macht dort niemand. Musik zu machen ist etwas für die Privilegierten.

Straßenmusik gibt es in Kalkutta nicht. Musik ist dort etwas für die Priviligierten.

Wie verliefen die Aufnahmen im Tonstudio?

Als ich die Studios kennengelernt hatte, dachte ich: Der absolute Wahnsinn! Alles ist anders als bei uns. Die haben ja Arbeitskräfte, die nichts kosten, und da waren etwa zehn Leute, die da rumsprangen. Der Tontechniker sitzt an seinem Pult und wenn er irgendetwas braucht, zückt er sein Handy und ruft jemanden an, dass ihm einer etwas bringt. Eine komische Art, aber irgendwie hat das alles funktioniert und die Musik hat mich gepackt und fasziniert.

Im Tonstudio. (c) Sebastian Niehoff (Sebel)

Wie haben diese ganzen Eindrücke, von der Stadt, der Atmosphäre und der Musik, auf dich gewirkt?

Dieses ganze Paket, der Sound der Stadt – überall hört man Krähen – und jeden Tag die Musik im Studio. Das hat mich definitiv positiv beeinflusst! Ich habe dadurch zum Beispiel Entscheidungen treffen können, die ich monatelange aufgeschoben hatte. Persönliche Entscheidungen, mein Leben in Deutschland betreffend. Ich habe Dinge klarer gesehen. Ich habe mich dagegen erst ein bisschen gewehrt, weil das noch so ein affiges Klischee von früher ist: Ich fand das immer doof, wenn alle gesagt haben: „Indien, da muss ich hin“.

Ich habe Dinge klarer gesehen und konnte aufgeschobene Entscheidungen treffen.

Aber es war jetzt so und das führe ich in erster Linie auf die Musik zurück. Ich habe mich zwar schon immer mit indischer Musik beschäftigt, aber wenn man sich zwei Wochen ständig und intensiv mit ihr auseinandersetzt, beeinflusst dich das einfach. Ich habe mich dort in einem anderen Kontext gesehen und das hatte auf mich ganz positive Auswirkungen. Ich werde auf jeden Fall irgendwann nochmal nach Kalkutta zurückkehren, allein schon, weil ich in dort noch einige Konzerte spielen will.

Hast du gar kein Konzert in Kalkutta gegeben?

Wir haben einmal gespielt. Das war bei einer Galerieeröffnung des größten Goldhändler von Kalkutta. Das war absolut ätzend. Ich habe mich hinterher etwas darüber geärgert, denn ich hatte meinen Aufenthalt dafür extra um zwei Tage verlängert. Sie fragten uns, ob wir dort nicht spielen wollten, der Bengalische Premierminister käme auch. Beim Konzert war dann die Elite anwesend, die sehen zwar alle indisch aus, sind aber die gleichen Kacknasen wie bei uns. In Deutschland würde ich nie bei einer Galerieeröffnung spielen. Ich kam mir schon blöd vor, dass ich das dort gemacht hatte.

Auf den Straßen Kalkuttas. (c) Sebastian Niehoff (Sebel)

Habt ihr auch Bekanntschaft mit dem Straßenverkehr von Kalkutta gemacht?

Die Hektik auf den Straßen ist unsagbar! Aber ich habe in den zwei Wochen nur einen Auffahrunfall gesehen. Weiter ist da nichts passiert. Das gleicht einem schierem Wunder. Wo in Deutschland alle schreiend weglaufen würden, laufen dort zwischen fünfspurigen Straßen – wobei man nicht unbedingt von Spuren reden kann – kleine Kinder und Hunde herum und nichts passiert. Die Leute hupen wie verrückt und fahren kreuz und quer, aber wenn es drauf ankommt, bremsen sie und reihen sich alle ein.

Die Atmosphäre der Stadt ist absolut friedlich.

Wie würdest du so die Atmosphäre der Stadt beschreiben?
Es herrscht eine friedliche Atmosphäre, obwohl es schier unwahrscheinlich ist. Es gibt so viele Menschen und es ist dennoch absolut friedlich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch mit Stefan Stoppok fand am 24. November 2011 in der Hamburger „Fabrik“ wenige Augenblicke vor seinem dortigem Auftritt statt.

Das Album Tagore & We von Soumyojit & Sourendro mit Stoppok & Srabani Sen kann hier kostenlos heruntergeladen werden.

Stefan Stoppok, geb. 1956, ist Gründer und Herzstück der gleichnamigen Band und war lange Zeit als Straßenmusiker in Europa unterwegs. Der gebürtige Hamburger, der in Essen aufwuchs, und auch solo auftritt, vermengt in seinen Liedern Einflüsse des Folk, Blues, Rock und Country. Die meisten seiner Songs schreibt, textet und produziert der Multiinstrumentalist selber. Stefan Stoppok, der oft auch als „Pott-Poet“ bezeichnet wird, hasst von Herzen Fußball und lebt heute in Bayern.

Website: www.stoppok.de

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