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Auf der Howrah werden Menschen geboren, sind gestorben, wurden dort gezeugt!

Seen from Howrah side.

Von Olivier Schiewe, 4. 12. 2011. Bereits 1988, auf meiner ersten Indienreise, hab ich dieses gigantische Monster aus Stahl in mein großes Herz geschlossen. Die während des zweiten Weltkriegs von den Engländern gebaute Howrah Bridge, welche Kalkutta mit dem Stadtteil Howrah verbindet, ist seitdem unangefochten die Nummer Eins – in meinen all Time favourite Brückencharts. Die Howrah gilt immer noch als die verkehrsreichste Brücke der Welt. Neben unzähligen Autos, Lastwagen und Motorrollern wird die Howrah Bridge von einem endlosen Fußgängerstrom, Kühen und anderen Tieren benutzt. Sie lebt und knarrt, riecht nach Schweiß und Abgasen. Auf der Howrah werden Menschen geboren, sind gestorben, wurden dort gezeugt!

...entering the bridge from Howrah side

Calcutta, die etwas in die Jahre gekommene Hauptstadt des ehemaligen Britischen Empire, heißt seit einigen Jahren Kolkata. Ein Streich der indischen Regierung, um nicht permanent an die Kolonialzeit erinnert zu werden. Bombay heißt Mumbai und Madras nennt sich nun Chennai. Auch Straßen, Bahnhöfe, Parks und Brücken wurden umbenannt. Die Howrah Bridge trägt heute den Namen Rabindra Setu. Eine Reminiszenz an den großen bengalischen Dichter, Rabindranath Tagore, dem ersten Nobelpreisträger Indiens. Nach dem Ehrenbürger Kalkuttas wurde inzwischen vieles benannt. In des Dichters Residenz, die man in Form eines Museums besichtigen kann, hängt ein altes Foto aus den 1930er Jahren, welches Tagore zusammen mit Albert Einstein zeigt. Tagore übrigens mit weitaus wilderer Frisur als der Vater der Relativitätstheorie.

Howrah at morninglight

Kalkutta zieht heute auffällig viele junge Japaner an. Am liebsten sitzen sie den lieben langen Tag auf der Holzbank bei der Tirupati Garküche in der Sudder Street (dem Backpackerzentrum), mit einem Teller Hakka Nudeln auf dem Schoß. Außerhalb der Sudder Street habe ich in Kalkutta noch nie einen Japaner gesehen. Die durch Dominique Lapierres‘ Roman City of Joy initiierte Franzosenwelle scheint hingegen in den letzten Jahren etwas abgeklungen zu sein. Auch das Volontieren im Mutter Teresa Haus ist etwas aus der Mode gekommen, so meine Beobachtung. Hingegen lieben es ältere alleinstehende Herren, so um die 60 +, schon seit längerem, während des kurzen indischen Winters, gleich mehrere Monate im kalkuttischen Chaos zu verweilen.

Passers by

Lapierres‘ Stadt der Freude, ist immer noch meine Lieblingsmetropole auf dem Subkontinent. Sie zieht den Besucher immer wieder unweigerlich in den Bann. Mit der Teerung der Kopfsteinpflaster vor einigen Jahren wurde ihr allerdings viel des brüchigen imperialen Charmes geraubt. Trotzdem, Kalkutta bleibt gespenstisch und unwirklich genug. Noch immer ziehen die Rikscha Wallahs‘, barfuß, ihre kolonial anmutenden Gefährte mit der Hand durch die engen, schmutzigen Gassen. Noch immer zieht ein Heer von Frauen mit Babys auf dem Arm bettelnd durch die Sudder Street. Unentwegt auf der Suche nach Milchpulver für die kleinen Schreihälse, welches danach gegen Bares wieder eingetauscht wird. Das Geld geht abends nach der Schicht an den Paten. Nur seinen abgerichteten und lizenzierten Krüppeln und Milchpulverfrauen ist es gestattet, in der Sudder Street ahnungslose Neuankömmlinge anzubetteln. Erst vor kurzem habe ich wieder gehört, wie Kindern Arme und Beine gebrochen wurden, damit sie als Krüppel mehr erbetteln können. Günter Grass, der sich auch mal eine Weile von Kalkutta inspirieren lassen wollte, bezeichnete die Stadt nach seiner etwas missglückten Mission – als einen Scheißhaufen Gottes!

Seen from the Armenian Ghat

Die Howrah Brücke ist eine der letzten großen Stahlauslegerbrücken, die gebaut wurden. Das ist so etwas wie eine Hängebrücke, wo Stahlträger die Funktion der Aufhängung übernehmen. Die Howrah Brücke überspannt in einer Länge von 705 Metern den schlammigen Hooghly. Ein Mündungsarm des heiligen Ganges, der sich vor Kalkutta gabelt um dann in die bengalische Bucht zu fließen. Die Installation der Brückenpfeiler in den etwa 30 Meter tiefen Schlamm des Flussbettes gestaltete sich besonders schwierig. Der Stahlfachwerkbau ragt 97 Meter in die Höhe und ist mit acht Fahrbahnen ausgestattet. Fast alle Stahlteile kamen aus indischen Fabriken, worauf die Inder besonders stolz sind. Fotografieren ist strengstens verboten. Stationierte Polizisten auf der Brücke sorgen dafür, dass dies eingehalten wird. Indische Paranoia, das Ding ist mindestens schon 100.000 Mal fotografiert worden!

Ich hätte ja gerne für alle Brückenfans unter uns ein Bild angeboten, auf der die Sonne romantisch hinter dem knarrenden Stahl versinkt. Richtige Sonnenuntergänge gibt es aber in Kalkutta nur selten. Zuviel Smog.

Cantilever


Poster Howrah Bridge

Olivier hat in Lüneburg Kulturwissenschaften studiert. In den letzten Jahren ist er oft in der großen weiten Welt unterwegs – meistens auf dem Landweg. Die letzte Überlandreise ging von Lüneburg über den nahen Osten nach Uganda.

Alle Bilder: (c) Olivier Schiewe
www.olivierschiewe.de

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