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Dr. Martin Kämpchen

Seit über dreißig Jahren lebt der Schriftsteller und Journalist Martin Kämpchen unweit von Kalkutta. In vielen seiner ausgezeichneten Werke widmet er sich dem deutsch-indischen Dialog und erhielt für sein interkulturelles Engagement das Bundesverdienstkreuz. Im ersten Teil des großen Kalkutta-Interviews spricht Kämpchen über die Entwicklung der Stadt, den notwendigen Paradigmenwechsel – und ein Bad in der Menge inmitten der Bürgersteig-Kultur.  

Herr Kämpchen, Sie halten sich zurzeit in Kalimpong in Bezirk Darjeeling auf und wohnen dort bis Januar 2012. Wie feiert sich Weihnachten und Sylvester in Indien, zwischen Teeplantagen und den Vorbergen des Himalaya?

Traditionell haben die „Hill Stations“, wie Darjeeling, Kalimpong, Shillong, eine starke christliche Präsenz. Die europäischen Missionare wussten schon, wo man klimatisch angenehm leben konnte, und bauten hier Zentren christlich-europäischer Kultur auf. Bis heute gelten die katholischen, protestantischen und anglikanischen Schulen dieser Gebirgsorte als sehr gut, als vielleicht die besten im Lande.

Das heißt, dass man in Kalimpong europäisch geprägte Weihnachten mitfeiern kann, allerdings ohne den Konsumrummel. Im Gegenteil, bei solchen Festen spürt man, wie aktiv die Kirche weiterhin eine Volkskirche ist, wie fröhlich, schwungvoll und einfach sie feiert und wie alle mitmachen. Ich fühle mich in meine Kinderzeit zurückversetzt.

Damals war Kalkutta sehr unsicher, aber ich war überall unterwegs. Ich liebte das „Bad in der Menge“.

Sprechen wir über Kalkutta. Im Jahr 1971 besuchten Sie die Stadt zum ersten Mal. Können Sie sich noch an Ihre ersten Eindrücke erinnern?

Das war die Zeit der Naxaliten; als Kalkutta sehr unsicher war, als überall Anschläge dieser Stadtguerillas verübt wurden und viele Menschen unter den besser gestellten Schichten ermordet wurden. Ich kam mit dem Zug aus Bombay nach Kalkutta und blieb einen Monat dort. Die erste Woche verbrachte ich bei einer befreundeten Familie (die ich schon in Deutschland kennen gelernt hatte). Der Vater war ein hoher Polizeibeamter. Er warnte mich, nicht bei Dunkelheit unterwegs zu sein, auch tagsüber nicht in dicht besiedelten und armen Gegenden herumzulaufen. Ich aber hatte überhaupt kein Risikobewusstsein und war überall unterwegs. Meist zu Fuß, aber auch in Bussen, seltener in Taxis.

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Ich liebte das „Bad in der Menge“, suchte gerade jene Gegenden auf, die brechend voll mit Menschen waren, Gegenden, die ich für „indisch“ oder für „traditionell“ hielt. Damit meine ich, ich suchte die kleinen Nebenstraßen mit ihrer lebhaften Bürgersteig-Kultur, die Basare, die winzigen Geschäfte, mich zog es dorthin, wo die Menschen herumsaßen und nichts taten oder nur miteinander quatschten, wo es alles andere als sophisticated zuging. Im Zug hatte ich junge Leute kennen gelernt, die in den engen Gassen von Kalighat zu Hause waren – da ging ich hin, da fühlte ich mich wohl!

Sie leben seit über 30 Jahren in der von Tagore gegründeten Akademikersiedlung Santiniketan, drei Zugstunden nördlich von Kalkutta und besuchen die Hauptstadt Westbengalens immer wieder und arbeiten dort regelmäßig. Sie haben die Entwicklung der Stadt miterlebt – worin sehen Sie die maßgeblichsten Veränderungen Kalkuttas in den letzten drei Dekaden?

Seitdem ich 1980 begann, in Santiniketan zu wohnen, habe ich monatlich einmal oder zweimal Kalkutta besuchen müssen, um dieser oder jenen Erledigung willen. Damals gab es noch kein Fernsehen, noch keine Computer, keine Mobiltelefone, keine Shopping Malls. Es gab nicht einmal Telefonzellen. Es gab keine Minibusse, keine Flyovers über den Straßen.

Ich habe nach wie vor Angst, die Straße zu überqueren.

Was bis heute geblieben ist, sind die schwarzgelben Ambassador-Taxis, die handgezogenen Rikshas, die Handkarren. Geblieben sind auch die Stromsperren (die allerdings seltener geworden sind), ist der unheimliche, undisziplinierte Verkehr, der strikt nach dem Machtprinzip „Die großen Fische fressen die kleinen Fische“ „geregelt“ ist. Nach wie vor habe ich Angst, die Straße zu überqueren und nehme mir viel Zeit damit, und in ein Taxi zu steigen. Wer weiß, ob ich nicht einen dieser wilden jungen Menschen am Steuer erwische, die Auf Teufel komm heraus! fahren und mir auch in der Sommerhitze den kalten Schweiß auf die Stirn treiben.

Insgesamt ist das Leben doch leichter geworden, meine ich. Oder ist es nur deshalb leichter, weil ich mir vor rund 15 Jahren gesagt hatte: Jetzt fahre ich nicht mehr in brechend vollen Bussen – jetzt fahre ich nur in Taxis, genug ist genug!

Von 1977 regierte über 30 Jahre lang die Kommunistische Partei in Westbengalen. Seit Anfang 2011 ist nun eine neue Partei, die Trinamul-Kongress-Partei, an der Regierung. Sehen Sie eine Aufbruchsstimmung in Westbengalen – und was könnte der Regierungswechsel für Kalkutta bedeuten?

Die Aufbruchstimmung ist deutlich zu spüren. Die jetzige Chefministerin, Frau Mamata Banerjee, greift streng durch, regiert geradezu diktatorisch und bemüht sich ernsthaft diese große Stadt und diesen Bundesstaat in eine bessere Zukunft führen. Das ist eine Sisyphusarbeit; sie muss an hundert Stellen gleichzeitig ihre Macht zeigen und durchgreifen. Wird sie es schaffen? Sie hat reichlich Energie, aber es ist zunächst noch eine „One Woman Show“, und es bleibt abzuwarten, ob sie ein Team unkorrumpierbarer, engagierter, unermüdlicher Minister zusammenbringt, die einen Paradigmenwechsel einleiten. Denn um nichts weniger geht es hier.

Das Leben ist insgesamt leichter geworden.

Es scheint, als stecke Kalkutta bereits seit langem in den Startlöchern für einen wirtschaftlichen Aufschwung. Warum ertönt der Startschuss nicht?

Der wirtschaftliche Aufschwung wäre möglich, wenn genügend Firmen vom Ausland und von außerhalb Westbengalen in Kalkutta investieren würden. Aber die marxistische Regierung konnte das Investitionsklima nicht so eindeutig verbessern, dass es genügend finanzkräftige Investoren angelockt hätte. Vor allem diese vielen, vielen bandhs – Generalstreiks! Damit ist es jetzt vorbei. Aber noch andere Missstände müssen beseitigt werden, bevor man von einem günstigen Klima für Investitionen sprechen kann. Dazu gehört zum Beispiel die Verminderung der weit verbreiteten Korruption und der Nachlässigkeit in der Befolgung vieler Gesetze, die das öffentliche Leben betreffen.

Die neue Chefministerin hat viel Sisyphusarbeit vor sich.

Korruption und Bürokratie werden immer wieder mit Kalkutta und Westbengalen assoziiert. Sind diese Assoziationen wirklich berechtigt – hatten Sie mit beidem schon zu tun?

Ich selbst habe noch nie Schmiergelder gegeben und habe allen Freunden, die mit mir zusammenarbeiten (etwa in den Stammesdörfern Ghosaldanga und Bishnubati), streng abgeraten, sich auf solche Forderungen einzulassen. Wer einmal damit anfängt, dem kann ich ja nicht mehr vertrauen, der könnte mich betrügen. Ehrlichkeit ist nicht teilbar. Von mir selbst haben Bürokraten noch nie Bestechungsgelder gefordert. Gegenüber Ausländern tut man gern so, als gäbe es keine Korruption und wäre man selbst ohne Fehl und Tadel. Aber im Umkreis meiner Dorfarbeit werde ich mit dem Thema oft konfrontiert. Nur einmal habe ich, in Absprache mit Senioren unserer Dorfarbeit, Geld gegeben, um eine Reihe junger Leute aus den Dörfern vor dem Gefängnis zu bewahren.

Sie arbeiten in zwei Stammesdörfern mit alternativen Methoden der Entwicklungshilfe, ein Schwerpunkt darin liegt in der Bildung und Alphabetisierung. Was würden Sie – wenn Sie in der Lage wären – tun, um die sozialen und infrastrukturellen Probleme von Kalkutta anzugehen?

Der kommerzielle Geist der Bengalen muss angestachelt werden.

Vor allem Schulen für die Armen gründen und betreiben, bis dass jedes Kind in den Slums die Schule besuchen kann. Allen ist bekannt, wie sehr die Marxisten jahrzehntelang die Bildung vernachlässigt haben. Als nächstes ein verlässliches medizinisches Versorgungssystem; als drittes ein massives Programm zur Hilfe von Klein-Unternehmern, Klein-Händlern und –Geschäftsleuten. Der kommerzielle Geist der Bengalen muss angestachelt werden, ihre Lust an Handel und Wandel. Im Augenblick wollen alle Government-Jobs, bei denen sie dann, sobald sie einen erwischt haben, am Schreibtisch unterm Deckenpropeller einschlafen und nichts mehr tun.

Ende Teil 1

Im zweiten Teil des Interviews geht es um den Ruf der Stadt, die Äußerungen Günter Grass‘ zu Kalkutta und das launisch-künstlerische Temperament ihrer Einwohner. Kämpchen beschreibt das Potential der Stadt und wie es entfaltet werden könnte.

Zum zweiten Teil des Interviews.

Martin Kämpchen, Dr. Dr. phil., Germanist und Religionswissenschaftler, lebt seit über 30 Jahren in Indien in der Nähe Kalkuttas und arbeitet als Herausgeber, Schriftsteller, Journalist und Übersetzer und beschäftigt sich mit Themen rund um den Deutsch-Indischen Kultur- und Religionsdialog.

Er wurde 1948 in Boppard am Rhein geboren und studierte in Wien und Paris Germanistik, Theater, Philosophie und Französisch. Nach seinem Studium ging er nach Indien und arbeitete zunächst als Deutschlehrer und -Lektor in Kalkutta, ehe er begann, in Madras (dem heutigen Chennai) und Santiniketan Vergleichende Religionswissenschaft zu studieren.

Seit 1980 wohnt Kämpchen in Santiniketan, wo er ein zweites Mal promovierte. Santiniketan ist die Wirkungsstätte Rabindranath Tagores in West-Bengalen, die ca. 160 Kilometer nördlich von Kalkutta liegt und verdiente sich seinen Lebensunterhalt als Schriftsteller, Übersetzer und Journalist. In zahlreichen Publikationen beschäftigt sich Kämpchen mit dem interreligiösen Dialog zwischen Christentum und Hinduismus und dem interkulturellen Dialog zwischen Indien und Deutschland  – insbesondere auf dem Gebiet der Literatur.

Kämpchen übersetzt Werke des berühmten indischen den Dichters, Philosophen und Literaturnobelpreisträgers Rabindranath Tagore ins Deutsche. Er schreibt essayistische Bücher, Kurzgeschichten, verfasst Belletristik und berichtet regelmäßig im Feuilleton der FAZ über Indien.

Kämpchen erhielt zahlreiche in- und ausländische Ehrungen wie etwa 1990 den Rabindranath Tagore-Literaturpreis der Deutsch-Indischen Gesellschaft, 1992 den Rabindra-Puraskar der westbengalischen Regierung, 1999 das Bundesverdienstkreuz, den Journalistenpreis des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und 2005 den Tagore-Preis der Rabindra-Bharati Society.

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