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Dr. Martin Kämpchen

Im zweiten Teil des Interviews mit dem Herausgeber und Übersetzer Martin Kämpchen, der seit über 30 Jahren in Indien lebt und Kalkutta bestens kennt, geht es um den schlechten Ruf der Stadt, ihr Potential und die Idealisierung von Armut. Zum ersten Teil des Interviews.

Herr Kämpchen, Kalkutta hat im Ausland – insbesondere im westlichen – oftmals einen schlechten Ruf. Glauben Sie, dass dieser Ruf Kalkutta behindert, etwa beim wirtschaftlichen Aufschwung?

Natürlich. Der schlechte Ruf hat ja auch seine Ursachen.

In Indien hat Kalkutta einen ganz anderen Ruf, die Stadt wird nicht mehr und weniger mit Armut und sozialen Missständen assoziiert als andere indische Großstädte. Warum hält sich dieses Image – trotz einiger Verbesserungen – so hartnäckig? Wie viel davon ist Klischee und warum wird es noch immer so gerne von Menschen und Medien bedient – Steckt da ein gewisser Voyeurismus drin?

Die Bengalen sind launisch-künstlerische und phantasievolle Menschen, aber sie geben zu rasch auf.

Kalkutta hat vor allem keine hart arbeitende Mittelschicht – so sehe ich den Nachteil. Die Bengalen sind launisch-künstlerische, temperamentvolle Menschen sehr anregend und phantasievoll, sehr emotional. Aber sie geben zu rasch auf, lassen sich nicht zu Höchstleistungen inspirieren, zu denen sie durchaus fähig wären. Bengalen geben in England und in den USA ein ganz anderes Bild von sich ab.

Eine andere Sache ist, dass das Kalkutta-Bild durch den Roman Stadt der Freude von Dominique Lapierre und das Werk Mutter Teresas geprägt ist. Aber beiden kann man doch nicht die Schuld an die vielen Slums und an den Missständen von Kalkutta geben; sie reagieren nur auf die Zustände wie sie sind.

Manche sehen die Arbeit von Mutter Teresa und ihrem 1950 gegründeten und bis heute arbeitenden Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe“ kritisch. Nicht nur in Hinblick auf die Manifestation des schlechten Rufes sondern auch auf deren Nutzung.  Wie beurteilen Sie die Arbeit des Ordens und anderer NGO’s?

Wie oben schon erwähnt, hat die Arbeit von Mutter Teresas Ordensschwestern sicher den Ruf der Stadt beeinflusst. Das ist aber nicht der Skandal. Für mich besteht der Skandal darin, dass erst eine europäische Missionarin kommen und eine große Gemeinschaft aufbauen musste, damit den Armen und Kranken, die auf der Straße liegen, geholfen wird. Die Mittelschicht hat nicht genug Selbstrespekt und Sympathie für die Notleidenden ihrer eigenen Stadt, um ein solches Werk selbst durchzuführen.

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Wenn durch die Ordensschwestern zunächst auf den Zustand der Stadt aufmerksam gemacht wurde – dann nur zu, sie hat es „verdient“. Immerhin kommen jetzt Tausende von Volontäre aus aller Welt nach Kalkutta, um bei Mutter Teresa und anderen Hilfsorganisatoren – auch indischen, auch hinduistischen, etwa bei der Ramakrishna Mission – mitzuhelfen. Es geht nicht um den „Ruf“, es geht um die Armen.

Die Mittelschicht hat nicht genug Selbstrespekt und Sympathie für die Notleidenden ihrer eigenen Stadt.

Welchen Anteil hat Günter Grass an diesem Ruf? Er nannte die Stadt in seinem Roman Der Butt nach einem mehrtägigen Aufenthalt einen „Haufen Scheiße“… „wie Gott ihn fallen ließ und Kalkutta nannte“. Eine Aussage, die bei vielen Bengalen eine tiefe Wunde hinterlassen hat – bis heute. 

Gewiss ist Günter Grass’ Meinung nicht im Allgemeinbewusstsein hängen geblieben. Seine Bücher sind anspruchsvoll und differenziert. Dem oben genannten Zitat könnte man andere, positive, entgegenhalten. Im Butt und seinem Kalkutta-Tagebuch Zunge zeigen hat er die Stadt durchaus differenziert zu evozieren versucht. Mein Kalkutta-Bild stimmt nicht mit seinem überein, aber außer Frage steht, dass Günter Grass die Stadt sehr liebt und ihn aus dieser Grundsympathie heraus die Verhältnisse schmerzen und er vor allem die Mittelschicht der Tatenlosigkeit anklagt. Und da bin ich ganz mit ihm einverstanden.

Kalkutta gilt als das kulturelle Zentrum Indiens. Der Autor Rainer Krack schreibt in seinem Buch „Kulturschock Indien“ über Kalkutta: „Die ständige Konfrontation mit den Negativ-Aspekten der menschlichen Existenz machen selbst dem ‚normalen’ Mitbürger zum Philosophen.“ –  Glauben Sie, es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Elend und dem Geist der Stadt?

Nein, das glaube ich nicht. Die armen Menschen haben keine Zeit, um philosophisch zu sein. Armut macht nicht philosophisch, höchstens lethargisch, fatalistisch, opportunistisch… Ich habe in meinem letzten Buch Leben ohne Armut (Verlag Herder, Freiburg 2011) die Auswirkungen der Armut auf die Menschen beschrieben. Es ist Teil unserer Idealisierung der Armut, dass wir meinen, sie trage zum guten Charakter bei. Nur wer genügend zu essen hat und genug Ressourcen, um seine Fähigkeiten zu entwickeln, hat die Chance, durch seine relative Armut zu einem einfachen Lebensstil, zu einer freiwilligen Genügsamkeit erzogen zu werden. Das nenne ich jedoch nicht mehr „Armut“, das ist „Einfachheit“ und „Genügsamkeit“ und steht auf einem anderen Fundament.

Es ist Teil unserer Idealisierung der Armut, dass wir meinen, sie trage zum guten Charakter bei.

Haben Sie einen Lieblingsplatz in Kalkutta?

Ein Lieblingsplatz wäre für mich ein Ort, an den ich mich zurückziehen kann, wo ich Muße habe, wo ich beobachten kann, aber ohne störenden Einfluss von außen. Wo ich Notizen kritzeln, aus einer gewissen Entfernung (weder zu viel Nähe, noch zu weite Ferne) neue Erfahrungen machen kann. Solche Orte habe ich in anderen Städten, in Delhi und Bombay, in Berlin und Hamburg – aber in Kalkutta? Leider fällt mir keiner ein. Am liebsten wohne ich, wenn ich Kalkutta besuche, eine Stunde südlich des Zentrums in Narendrapur, im dortigen Ashram der Ramakrishna Mission. Aber es gibt eine Familie in Lake Market, bei der ich oft übernachte. Sie hat ein Dachzimmer über dem vierten Stock, das ich beziehen darf. Ich schaue hinab auf die Markstraßen, über die Dächer zur zweiten Hooghly-Brücke. Ich höre das Markttreiben, aber es drängt sich nicht auf.

Gibt es auch etwas an Kalkutta, das Sie ganz und gar nicht mögen?

Zum Beispiel der Lärm, vor allem der unnötige Lärm, zum Beispiel das sinnlose und kaum hilfreiche ständige Hupen der Autos.

Einmal ganz allgemein gefragt: Wo sehen Sie das Potenzial der Stadt? Und was müsste sich ändern, damit sie sich entfaltet werden können?

Die Stadt hat ein enormes Potential, weil die Menschen begeisterungsfähig sind und wegen ihrer Emotionalität auch zu großen Opfern fähig. Kalkutta braucht lebende positive Vorbilder. Die alten Vorbilder – Tagore, Vivekananda, Subhash Chandra Bose, Satyajit Ray, Mutter Teresa – genügen  nicht. Es muss lebende geben, die den Idealismus und die Opferbereitschaft der jungen Menschen befeuert und sie von dem Weg abhält, den nach dem Ausklang der Jugend allmählich so viele einschlagen: Klein beigeben, keine Risikofreude, immer „Das kann ich nicht“, ohne es zu versuchen…

Die Stadt hat ein enormes Potential.

Wo sehen Sie Kalkutta in Zukunft? Wie wird sich die Stadt entwickeln?

Ich wage keine Prognose. Ich wünsche den Menschen dieser Stadt ein Leben ohne Katastrophen, ein Leben allmählichen Aufstiegs, der nicht durch korrupte Praktiken sondern durch harte, geduldige Arbeit erworben worden ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Martin Kämpchen begegnete Günter Grass bei all seinen drei Kalkutta-Aufenthalten – 1975, 1986 und 2005 – und gab über diese für Grass anziehenden wie abstoßenden Erfahrung u. a. die Anthologie Ich will in das Herz Kalkuttas eindringen – Günter Grass in Indien und Bangladesch (engl. Titel: „My broken love“) heraus.

Zurzeit arbeitet Kämpchen an einem Band mit Erzählungen, von denen einige auch in Kalkutta handeln. Nach seinem Band Ghosaldanga. Geschichten aus dem indischen Alltag (2006) wird dies sein nächster Erzählband sein.

Im April 2012 kommt der Schriftsteller für ca. drei Monate nach Deutschland und hält einige Vorträge, u.a. am 20. April zum Thema “Alphabetisierung als erster Schritt zum Leben ohne Armut” bei der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit in Stuttgart sowie am 9. Mai über sein Buch “Leben ohne Armut” im Heinrich-Hitze-Haus in Münster.

Weitere Informationen unter www.martin-kaempchen.com

Buch: Martin Kämpchen: Calcutta. Eine funktionierende Anarchie. Wallstein, Göttingen 1994.

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