Schlagwörter

, , , , , , , ,

Leben und Überleben in Kolkata, das bedeutet das Streben nach Glück von Menschen nach einer besseren Zukunft. Schon immer war Westbengalen ein von Zustrom, Migration und Durchreise geprägter Bundesstaat; er gehört zu den bevölkerungsreichsten von Indien. Viele Zugezogene legten ihre Hoffnungen zunächst in die ehemalige Hauptstadt Britisch Indiens und nach der Verlagerung des Regierungssitzes nach Neu Delhi 1911 in die übriggebliebene und entwickelte Industriestadt. In den 60 Jahren nach der Unabhängigkeit Indiens 1947 suchten viele Zuwanderer aus den ländlichen Gebieten Arbeit in Kalkutta als dem Zentrum des sonst schwach industrialisierten indischen Nordostens.

Doch ihre Realität gestaltete sich meist anders als erhofft. Oftmals tauschten sie ihr Elend vom Dorf nur gegen das der Stadt. Viele von ihnen probierten ihr Glück als Rikscha-Zieher – und ließen die zermürbende Arbeit über sich ergehen. In seinem Film „Über Leben in Kolkata“ veranschaulicht der Dortmunder Dokumentarfilmer Michael Preis den Kampf der Menschen mit einfachsten Mitteln ums Überleben, ihren Alltag und ihre Zuversicht. Auf diese Weise skizziert er ein Portrait einer Stadt im Kontext von Urbanisierung, Migration, Infrastruktur und Tradition. Ausschnitte des preisgekrönten, nicht-kommerziellen Films gibt es hier bei FacingKalkutta.

Von menschlichen Zugpferden

Schon oft sollten sie verboten, an den Stadtrand verdrängt und gänzlich aus dem Stadtbild verbannt werden: die von Menschen gezogenen Rikschas von Kalkutta. Im 19. Jahrhundert von China übernommen und 1919 von den Briten als offizielles Verkehrsmittel eingesetzt, gehören sie heute zu den letzten ihrer Art. Der ehemalige Chief Minister von West Bengalen, Buddhadev Bhattacharjee (2000 – 2011; Communist Party of India (Marxist), nannte sie „Schandflecke“ der Stadt und Symbole der Rückständigkeit, die zudem den Verkehr behinderten. Aus „humanitären“ Gründen wollte er die Zieh-Rikschas abschaffen, denn ein Mensch dürfe einem Pferd nicht gleichen, die Schmach der menschlichen Zugpferde das Stadtbild nicht weiter prägen.

1996 wurden tausende Rikschas beschlagnahmt und verschrottet; es gab massive Proteste und Streiks seitens der Rikscha-Gewerkschaft, mit der Folge, dass sie wieder – abseits der Hauptverkehrsstraßen – zugelassen wurden.

Doch ob es der Regierung Westbengalens tatsächlich um Humanität und Menschenwürde ging, ist mehr als fraglich. So nannte Bhattacharjee – selber in Kalkutta geboren – nach seiner Verbotsankündigung andere Gründe, sprach vom Image der Stadt, vom Rikscha-Zieher als Symbol der Rückständigkeit und der Ärmlichkeit, durch das Investoren aus dem Westen abschreckt würden.

Heute fahren bzw. laufen die Rikscha-wallahs genannten menschlichen Transporteure noch immer die Straßen auf und ab und gehören neben den gelben Ambassador-Taxen nachwievor zum Stadtbild Kalkuttas. Etwa 18.000 Rikscha-Zieher verdienen sich ihr Einkommen derzeit in Kalkutta, Anfang der 90er Jahre waren es noch 30.000. Fragt man sie nach Bhattacharjees Menschenwürde, der sie von ihrer unmenschlichen und demütigen Arbeit „erlösen“ wollte, erntet man Kopfschütteln. Für die Riksha-wallahs ist es ehrliche Arbeit, wovon sollten sie sonst leben? Viele Schicksale wären von einem Verbot betroffen, schließlich hängen am Rikscha-Zieher-Gewerbe nicht nur die Zieher selber sondern auch deren Familien sowie die Reparaturbetriebe und Ersatzteilhändler.

Täglich zehn Stunden Knochenarbeit

Die Rikscha-Zieher Kalkuttas malochen rund zehn Stunden täglich, oftmals bis ins hohe Alter. Sie verdienen damit etwa 60 bis 130 Rupien pro Tag (umgerechnet ein bis zwei Euro). Die Rikschas gehören meist nicht ihnen selber sondern sind von einem malik gemietet. An diese Besitzer müssen sie um die 30 Rupien (etwa ½ Euro) Leihgebühr entrichten. Manche dieser maliks besitzen mehrere hundert, manchmal auch bis zu 1000 der Lasten-Karren und werden daher „Rikscha-Könige“ genannt. Die meisten von Kalkuttas Rikscha-Ziehern stammen aus dem nordöstlichen Bundesstaat Bihar, der zu den ärmsten von Indien zählt und in dem es nur wenig Arbeit gibt. Viele von ihnen zogen nach Kalkutta um Arbeit zu finden – und wurden Rikschaläufer. Nicht wenige von ihnen leiden an Tuberkulose oder Mangelernährung. Um ihre Familien zu ernähren, sind sie darauf angewiesen, ihren kargen Verdienst aufzubessern, indem sie etwa als Drogenkuriere fungieren oder Freier zu Bordellen chauffieren und dadurch eine Kommission erhalten.

Für viele Einwohner Kalkuttas ist es selbstverständlich, sich per Menschenkraft von einem Rikscha-wallah transportieren zu lassen. Für sie hat das Überleben der Zieher auch praktische Gründe, denn in der Monsunzeit, wenn die Straßen überflutet sind und die knietiefen Wassermassen den Verkehr zum Stocken bringen, gehören die Handziehrikschas zu den Transportmitteln, die bei solchen widrigen Wetterbedingungen die wenigsten Probleme haben, voran zukommen.

Dominique Lapierre schildert in dem später verfilmten Buch „City of Joy“ (Stadt der Freude) eindrucksvoll die Strapazen und den täglichen Kampf der Rikscha-Zieher ums Über-Leben.

Michael Preis

Michael Preis

Michael Preis gilt als einer der erfolgreichsten Reisefilmer Deutschlands. Der Dortmunder bereist seit über 40 Jahren alle Kontinente und fertigt authentische Dokumentarfilme über Menschen und das Leben in anderen Kulten an. Der Dokumentarfilmer sagt über das Reisen: „Reisen wird dann eine Bereicherung, wenn man bereit ist, seine Träume der Realität anzupassen“. Sein Film „Über Leben in Kolkata“ wurde mit dem Dortmunder Filmpreis in der Kategorie „Bester Film“ (Jurywertung) und dem BDFA-Preis der Deutschen Filmfestspiele 2011 ausgezeichnet.

Filmquelle: „Über Leben in Kolkata“. Von Michael Preis; Laufzeit 19 Minuten; 2007. http://www.fernweh-film.de . Kontakt: mikepreis@arcor.de

Link: Fotostrecke über Rikschaläufer auf Spiegel Online

Advertisements