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Jan Thorsten Kötschau ist seit kurzem Leiter der Deutsch-Indischen Handelskammer in Kalkutta. Im Interview prognostiziert der 33-jährige Volljurist der Stadt ein starkes Wirtschaftswachstum, erklärt, wie sich die Stadt baulich entwickeln wird und verrät, wie sich der Umgang der Menschen untereinander in Kalkutta von dem in anderen indischen Städten unterscheidet.

Herr Kötschau, vor einigen Wochen haben Sie Ihre neue Stelle als Leiter der Deutsch-Indischen Handelskammer in Kalkutta angefangen. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet in diese Stadt zu gehen?

Kolkata ist eine interessante Stadt, die über Indiens Grenzen hinaus für ihre Kultur und Bildungseinrichtungen bekannt ist. Wirtschaftlich gesehen ist die Region West Bengal, deren Hauptstadt Kolkata ist, noch nicht so erschlossen, wie andere Regionen in Indien. Aufgrund der jahrzehntelangen kommunistischen Regierung blieben zahlreiche industrielle Projekte unerfüllt.

Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft in Kolkata stark anwachsen wird.

Mit der neuen Regierung erhofft sich die Region ein Anwachsen der industriellen Aktivitäten, was gleichzeitig Arbeitsplätze schaffen würde. Der Reiz besteht für mich darin, deutschen Unternehmen Hilfestellungen beim Erkunden der Marktgegebenheiten sowie beim Markteintritt zu geben. Denn die Region West Bengal und die Stadt Kolkata haben wirtschaftlich großes Potential.

Wie entwickelt sich die Wirtschaft in Kalkutta bzw. Westbengalen?

Wir hoffen, dass die neue Regierung zu einem Anstieg der Investitionen beiträgt. Ich gehe davon aus, dass die Wirtschaft in Kolkata stark anwachsen wird.

Welche Schwierigkeiten können bei solch einer Konjunktur auftreten?

Problematisch sind zum Beispiel einige nicht durchgeführte Projekte, insbesondere das Tata Nano Projekt in West Bengal. [Anm.: Der indische Kleinwagen Tata Nano von Tata Motors sollte ursprünglich in Singur / Westbengalen produziert werden; nach Protesten der Bevölkerung wurde der Produktionsstandort aber nach Gujarat im Westen Indiens verlagert]

Das Vertrauen potentieller Investoren muss zurückgewonnen werden.

Wie entwickeln sich die Handelsbeziehungen zwischen Kalkutta und Deutschland?

Sie steigen an, ohne jetzt konkret Zahlen nennen zu können. Wir erleben mehr und mehr Nachfragen aus Deutschland nicht nur zu Kolkata sondern zu der gesamten Region. Das Vertrauen potentieller Investoren muss zurückgewonnen werden.

Die Stadt wird in die Höhe gebaut werden

Aus welchen Branchen kommen diese Nachfragen, welche haben das größte Potenzial?

Bestimmte Industrien sind in dieser Region erfolgreich, vor allem im Stahlbereich. Auch die IT Industrie wächst stark an. Wir erwarten, dass sich weitere Sektoren mehr und mehr herausbilden.

Wie wird sich Kalkutta Ihrer Meinung nach entwickeln?

Die Stadt wird in die Höhe gebaut werden, soll heißen, dass mehr und mehr Hochhäuser gebaut werden. Die Stadt wird was die Größe der Bevölkerung angeht weiterhin stark ansteigen, auch durch den Zuzug aus umliegenden Regionen. Das wird die Infrastruktur weiter belasten.

Wir erleben mehr und mehr Nachfragen nicht nur zu Kolkata sondern zu der gesamten Region.

Welches sind die größten Herausforderungen, denen sich Kalkutta dabei ausgesetzt sieht?

Zum einen der Verkehr und die gesamte Infrastruktur, aber auch der Müll und Lärm.

Wie kann diesen Herausforderungen begegnet werden?

Durch öffentliche Investitionen in diese Bereiche. Nur von privater Hand kann dies nicht kommen.

Sprechen wir einmal ganz allgemein über Kalkutta. Was ist für Sie das charakteristische Merkmal der Stadt?

Kolkata hat eine facettenreiche Geschichte, die sich noch immer an Gebäuden und Gepflogenheiten der Bewohner erkennen lässt. Zudem treffen hier Tradition und Geschichte auf Moderne. Das Tempo, in dem in Kolkata neue Gebäude errichtet werden, ist schwindelerregend.

Kalkutta ist facettenreich, imposant und unvorhersehbar.

Wie würden Sie Kalkutta beschreiben?

Interessiert an neuen Dingen, offen für andere Kulturen, nicht so hektisch wie andere indische Städte. Kultur und Bildung werden als sehr wichtig angesehen, was Gespräche tiefgründig werden lässt. Kalkutta ist facettenreich, imposant und unvorhersehbar.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz in Kolkata?

Da gibt es einige. Wenn ich mich auf einen Platz festlegen muss, würde ich Maidan [Anm.: größter Stadtpark Kalkuttas) nennen.

Das Miteinander in Kolkata ist freundlicher und nicht so anonym wie in anderen Städten.

Was gefällt Ihnen weniger an der Stadt?

Der Verkehr ist wie in fast jeder indischen Großstadt häufig schleppend. Hinzu kommt die große Umweltbelastung.

Wie würden Sie die Menschen aus Kalkutta charakterisieren?

Die Einwohner Kolkatas sind stolz auf ihre Stadt und die Bedeutung, die diese Stadt auch in der Vergangenheit hatte. Die Leute legen großen Wert darauf, Kolkata als eine der kulturell bedeutendsten Städte Indiens darzustellen.

Was unterscheidet Kalkutta von anderen indischen Großstädten?

Das Arbeitstempo wird häufig als langsamer beschrieben. Ansonsten gibt es zu vielen anderen indischen Großstädten einzelfallabhängige Unterschiede. Mumbai ist beispielsweise „umtriebiger“, das Geschäftemachen steht dort mehr im Vordergrund als in Kolkata. Dafür kann das menschliche Miteinander in Kolkata aber als freundlicher und nicht so anonym beschrieben werden.

Es gibt immer wieder Situationen, die einen schocken können.

Wie gehen Sie mit der Armut oder dem Müll und Gestank auf den Straßen um? Stört Sie das oder gewöhnt man sich mit der Zeit daran?

Traurigerweise gewöhnt man sich daran. Wenn dem nicht so wäre, hätte man in Kolkata eine sehr harte Zeit. Aber natürlich gibt es immer wieder Situationen, die einen schocken können.

Fühlen Sie sich dennoch wohl in Kalkutta?

Ja, ich fühle mich sehr wohl hier.

Vielen Dank für das Gespräch!

Jan Thorsten Kötschau, 33, ist Leiter der Deutsch-Indischen Handelskammer in Kolkata. Der studierte Volljurist arbeitet seit mehreren Jahren im internationalen Rechts- und Wirtschaftsverkehr und schloss im Jahr 2010 seinen Master of Business Administration (MBA) in Santiago de Chile ab.

Erste Erfahrungen mit Indien im Jahr 2004 bewogen Herrn Kötschau dazu, 2006 für mehrere Monate für die Deutsch-Indische Handelskammer in Mumbai und Chennai zu arbeiten. Im Anschluss arbeitete er für mehr als zwei Jahre im Düsseldorfer Büro der Deutsch-Indischen Handelskammer, wo er insbesondere deutsche Unternehmen über Möglichkeiten und Risiken des indischen Marktes beriet.

Als Geschäftsführer des Büros in Kolkata ist Herr Kötschau nicht nur für West Bengalen, sondern auch für weitere ostindische und nordostindische Staaten zuständig.

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