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Kaum eine andere Stadt auf der Welt vereint so viele Gegensätze wie Kalkutta. Zwischen modernen Shopping-Malls und mittellosen Wegelagerern, High-Tech-Parks und Mutter Teresa befindet sich die Stadt im Zwiespalt von Tradition und Moderne. Kalkutta ist eine Stadt der Kontraste, facettenreich und überwältigend – und übt auf viele ihre Besucher eine ganz besondere Faszination aus.

Als Reporterteam haben der Fotograf Jörg Böthling und der Autor Klaus Sieg Indien wiederholt bereist und waren dabei auch mehrmals in Kalkutta. Aus der Begeisterung und Faszination für die Stadt entstand der Fotofilm Kaleidoskop Kalkutta, das audiovisuelle Tagebuch dieser Reisen. Ausschnitte des Fotofilms und ein Interview mit den beiden Journalisten gibt es hier bei FacingKalkutta.

Klaus, Jörg, so facettenreich und bunt Kalkutta ist, so vielfältig ist auch Kaleidoskop Kalkutta. Was genau verbirgt sich dahinter?

Kaleidoskop Kalkutta ist ein Fotofilm über Kalkutta, der aus verschiedenen multimedialen Elementen besteht. Enthalten sind Bilder, Sounds, Texte und Musik. Die Diashow besteht aus über 150 Fotos, die teilweise mit Schwenks und Zooms sehr dynamisch sind. Dazu haben wir Straßen- und andere Sounds der Stadt aufgenommen, die wir mit einfließen lassen. Klaus liest aus seinen Kalkutta-Tagebüchern  und spielt zu Beginn und Ende des Films live auf der Hawaii-Gitarre.

Der Dia-Film ist hauptsächlich für Live-Aufführungen gedacht. Wir projizieren dabei die Bildersequenzen auf große Leinwände, tragen die Texte und Musik live vor.  Das Ganze würde aber auch als fester Teil einer Ausstellung etwa auf einem Bildschirm funktionieren.

Was genau ist im Fotofilm zu sehen, gibt es eine Story?

Der Fotofilm hat keine Story. Es handelt sich um ein multimediales Tagebuch, mit vielen verschiedenen Schauplätzen, verbunden durch Sequenzen von Verkehrsmitteln, wie Taxen, U-Bahnen oder Rikschas. Dieses Kaleidoskop bildet die extrem verschiedenen Facetten der Stadt ab, vom Callcenter mit jungen, modisch gekleideten Jobbern, über den Taxifahrer in seinem kleinen Haus im Slum oder den Börsenmanager bei der Teepause auf der Straße bis hin zu Freiwilligen aus Europa, die im Sterbehospiz von Mutter Teresa Menschen in ihren letzten Stunden begleiten.

Welche Idee steckt hinter dem Fotofilm?

Eigentlich waren wir in Indien und Kalkutta, um Reportagen für Magazine zu fotografieren und zu schreiben. Von der Warte aus gesehen ist der Fotofilm ein Nebenprodukt, aber eines, in dem unser ganzes Herzblut steckt. Die Idee dahinter war auch, unser Kalkutta-Material über Printprodukte hinaus zu verwerten, etwas Multimediales zu schaffen, etwas mit Event-Charakter. Wir wollten weg vom klassischen Diavortrag und hin zu etwas Filmischen, ohne dabei einen Film zu machen. Und wir wollten etwas, das man live vorführen kann.

Ihr habt Indien mehrmals bereist, wart ihn verschiedenen Städten und Landesteilen. Warum habt ihr ausgerechnet einen Film über Kalkutta gemacht?

Von Kalkutta geht eine ganz besondere Faszination aus. Kalkutta  ist eine traditionell geprägte aber trotzdem sehr dynamische Stadt – aber nicht so eine Boomtown wie etwa Bombay oder Bangalore.

Hinzu kommt, dass die Kultur eine herausragende Stellung inne hat, was  vielerorts sehr sichtbar ist.  Wir finden auch, dass es in Kalkutta immer noch mehr Armut als in anderen Städten Indiens gibt. Auch die Mentalität der Menschen in Kalkutta und Westbengalen überhaupt ist anders als anderswo in Indien. All das zusammen ist sehr faszinierend.

Was genau meint Ihr mit einer anderen Mentalität der Bengalen?

Die Bengalen sind bedächtiger und ruhiger, düsterer und nachdenklicher. Düster aber nicht im Sinne von unfreundlich, sondern im Sinne von in-sich-gekehrter und weniger sprunghaft. Außerdem scheinen sie entspannter zu sein.  Man hat es in Kalkutta einfach mit einem ganz anderen Schlag von Menschen zu tun als zum Beispiel in Bombay. Dazu kommt, dass Kalkutta und seine Einwohner ja eine sehr linke Tradition haben, über 30 Jahre lang haben die Bengalen die Kommunistische Partei gewählt.

Wie oft wart ihr in Kalkutta?

Wir waren zusammen dreimal in Kalkutta. In Kaleidoskop Kalkutta sind Bilder und Erlebnisse von all unseren Reisen vereinigt. Immer, wenn wir mal wieder in Kalkutta sind, verändern wir den Film, fügen neue Fotos und Geräuschsequenzen hinzu. Es ist ein dynamischer Film – so wie die Megacity. Und irgendwann wird  er auch mal richtig bewegte Bilder haben.

Habt ihr einen Lieblingsplatz in Kalkutta?

Gute Frage – vielleicht die Elgin Road! Dort haben wir gewohnt und uns an die Umgebung gewöhnt. Wir kannten uns dort richtig gut aus. Zum Frühstück haben wir oft bei einem Geschäft in der Nähe leckere Joghurts gegessen. Die Elgin Road ist unspektakulär. Sie hat keine besonderen Merkmale, sondern ist eine ganz alltägliche Straße. Wenn wir „unspektakulär“ sagen, bedeutet das, für Kalkutta unspektakulär. Und das sagt ja schon einiges über die Stadt aus.

Die Elgin Road ist zudem nicht so touristisch wie etwa das Bagpackerviertel in der Sudder Street. Es ist dort weder besonders arm, noch besonders reich, es ist eine Mittelklasse-Straße. Wir waren in einem Hotel, in dem normale indische Geschäftsleute und Familien abstiegen. Wir fühlten uns dort wie zuhause.

Hattet ihr ein besonderes Erlebnis, das euch in Erinnerung geblieben ist?

Es gab das ein oder andere besondere Highlight, etwa als wir Kontakt zu den Wedding-Bands aufgenommen haben. Mit denen haben wir einen halben Tag verbracht und sind in eine ganz andere Welt eingetaucht.  Das sind Bands, die zu Feiern gebucht werden. In der Mitte tobt der Verkehr und sie sitzen am Straßenrand in solch kleinen Ladenkabuffs, teilweise in schmuddeligen Zirkusuniformen. Sie proben dort und warten auf Auftraggeber.

Was macht ihr mit eurer Diashow, wo kann man sie sehen?

Wir haben den Film bisher dreimal live aufgeführt. Das erste Mal während der India Week Hamburg im Oktober 2011. Die Reaktionen waren durchweg gut. Dann haben wir den Diavortrag noch einmal im Hamburger Metropolis-Kino und im kommunalen Kino Lübeck dargeboten.

Wir überlegen, den Live-Film für Ausstellungen anzubieten. Man könnte den Film etwa in Stelen integrieren, in denen sich die Besucher ihn anschauen können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Klaus Sieg, Jg. 1959, ist Journalist und Texter. Von 1998 bis 2001 war er Chefredakteur für Sonderhefte bei der Szene Hamburg. Seit 2003 ist er freiberuflicher Autor bei agenda, einem in Hamburg ansässigen Texter- und Fotografenzusammenschluss. Der gelernte Tischler, der Geschichte und Archäologie studiert hat, schreibt Reportagen über Asien, Afrika, Südamerika und Osteuropa. Seine Schwerpunkte sind Entwicklungspolitik, Soziales, Wirtschaft, Alltagskultur und Ernährung. www.sieg.agenda-fototext.de

Jörg Böthling, Jg. 1963, ist Fotojournalist und langjähriger Indienfahrer. Seit 1996 ist er freier Fotojournalist bei agenda. Der gelernte Seefahrer und Diplom-Designer erstellt Fotodokumentationen, Reportagen und Ausstellungen insbesondere zu Themen wie Entwicklung, Umwelt, Soziales, Kultur, Wirtschaft aus Asien, Afrika und Südamerika. www.boethling.agenda-fototext.de

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