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Viele schon sahen Kalkutta dem Untergang geweiht, betrachteten sie als „sterbende Stadt“. Doch die Stadt profitiert längst von der Globalisierung und der generellen wirtschaftlichen Entwicklung Indiens. Trotz mancher Problematiken hat sich ihre Situation spürbar verbessert, manche Experten prognostizieren der Megacity sogar eine prosperierende Zukunft.

In seinem Film Kolkata – The Economic Miracle zeigt der Hamburger Regisseur und Produzent Stephan Anspichler den wirtschaftlichen und sozialen Wandel der Stadt im Kontext von Tradition und Moderne, zwischen Untergang und Aufstieg – zwischen Kastendenken und Kommerzialisierung. Der 52-minütige Dokumentarfilm beschreibt, wie die Stadt mit den neuen Herausforderungen umgeht und wie sich die Veränderungen auch auf die Armenbezirke der Stadt auswirken.

Im Interview erzählt Stephan Anspichler über die Hintergründe des Films und berichtet über Hürden und Herausforderungen beim Filmdreh.

Stephan Anspichler. (c) Karin Kohlberg

Herr Anspichler, Ihr Film Kolkata – The Economic Miracle beleuchtet die indische Megametropole Kolkata aus wirtschaftlicher Sicht heraus. Er portraitiert den aktuellen Wandel vom „Armenhaus Indiens“ zu einer florierenden Megacity und zeigt dabei die Vielfalt und Gegensätze der Stadt. Wie kam  es zu der Idee eines – sicher doch eher speziellen – Dokumentarfilms?

Die Gegensätze etablieren sich beim Gang durch die Stadt von ganz alleine. Überraschend war für mich sicherlich, wie groß das Wachstum im Bereich der Dienstleistungs- und IT-Sektoren in Kalkutta war. Also dem Bedarf an Arbeitskraft, der in die Welt ausstrahlt. Wer mit Kalkutta über Jahrzehnte nur die dunkle Seite des Lebens in Verbindung brachte, erwartet nicht gerade eine solche Entwicklung an einem geographisch nicht gerade einfachen Wirtschaftsstandort.

Überraschend war für mich zu sehen, wie groß das Wachstum im Bereich der Dienstleistungs- und IT-Sektoren war.

Diesen Kontrast wollte ich einfangen und auch unsere „westliche Sicht“ auf Länder wie Indien ein wenig sensibilisieren. In Deutschland neigen wir zur ‚schwarz-weiß-Malerei’ wenn es darum geht, auf die Welt zu blicken. Wir denken, dass unser Lebensmodell repräsentativ für den Rest der Welt ist, anstatt zu begreifen, dass wir mit der Auffassung unseres Lebensstandards in der Minderheit sind.

Was ist die Kernaussage des Films?

Die Kernaussage des Films ist: Wir sind zu einer globalen Einheit gewachsen, in der es möglich ist, dass unser Leben – und Entscheidungen, die wir treffen -, von Menschen an einem bestimmten Ort, tausende Kilometer weit weg von uns, unmittelbar beeinflusst wird. Der aufwändige Lebensstil, den wir Tag für Tag beanspruchen, wird womöglich von einem Menschen beeinflusst, der in Kalkutta sitzt und mit seiner Familie Tag für Tag ums blanke Überleben kämpfen muss.

Ich wollte unsere „westliche Sicht“ auf Indien ein wenig sensibilisieren.

Unsere Ressourcen an Arbeitskraft weiten sich so sehr aus, dass wir in unseren heutigen virtuellen Welten die Ländergrenzen überhaupt nicht mehr richtig wahrnehmen können. Die Wertvorstellungen, mit denen ich noch in den 1980er Jahren aufgewachsen bin, haben sich über die letzten drei Jahrzehnte weiterentwickelt und uns Grenzen aufgezeigt, wenn wir glauben, dass wir diese allmächtige Entwicklung aufhalten können. Wir sind jetzt schon ein globales Dorf. Wenn heute ein Standort wie Kalkutta seinen wirtschaftlichen Nutzen aus der „One-World Society“ ziehen kann, sind wir in der prognostizierten Realität einer Welt-Community innerhalb von so kurzer Zeit schon angekommen.

Der Grundtenor des Dokumentarfilms deckt sich mit den Aussagen vieler meiner Interviewpartner: Kalkutta befindet sich allmählich im wirtschaftlichen Aufschwung. Woran macht der Film das fest?

Der wirtschaftliche Aufschwung geschieht vor allem in den sogenannten Wachstumsmärkten wie der IT-, Automobil- und Telekommunikationsbranche. Alle drei haben Indien zu dem gemacht, was es heute ist: Ein Land, das mit einer hohen Bevölkerungsdichte konkurrenzfähig sein kann. Für mich grenzt das an ein Wunder, da die Separierung der Menschen in der indischen Gesellschaft durch Religion, gesellschaftlichem Status und Bildungshintergrund enorm ist.

Unser aufwändiger Lebensstil wird womöglich von einem Menschen beeinflusst, der in Kalkutta sitzt und mit seiner Familie Tag für Tag ums blanke Überleben kämpfen muss.

Jedoch scheint es ein Lebensmodell zu geben, das wir alle – egal, welchen Hintergrund oder welche Herkunft wir haben – einfach adaptieren können. Und so zeigt Indien Jahr für Jahr, dass es unser westlich orientiertes System so umsetzen kann, dass wir daraus einen Nutzen ziehen können. Gleich, ob die Arbeitsmentalität eine andere ist und sein muss als bei uns.

Welche Probleme stehen einem Aufschwung möglicherweise im Wege?

Natürlich ist ein Aufschwung zeitlich nicht terminierbar. Indiens schärfste Konkurrenten im globalen Wettbewerb liegen in den asiatischen Nachbarländern. Menschen orientieren sich an Orten, an denen sie eine Perspektive für sich erkennen. Wir haben an Orten Kalkuttas gedreht, wo dieser Irrglaube die Menschen beinahe in den Abgrund gerissen hätte. Wenn einfache Bauern ihr Land aufgeben, um in eine Stadt zu ziehen, weil sie dort eine scheinbar bessere Lebensperspektive vorfinden und am Ende auf einer Mülldeponie hausen, könnte der Widerspruch unserer globalen Entwicklung nicht größer sein.

Wir werden in Zukunft immer weniger Menschen brauchen, die den heutigen relevanten Arbeitsaufwand verrichten. Die Uhr läuft diesbezüglich gegen uns – wir haben uns entwickelt, uns perfektioniert, und stellen nun fest, dass uns die Technik an die Grenzen dessen führt, was wir als Menschen im unmittelbarem Vergleich zu leisten in der Lage sind. Von der harten Arbeitergesellschaft zu einem Modell, in dem Menschen eine Zukunft haben, in der sie weltweit kommunizieren und agieren können. Alleine wo ein Mensch in Zukunft seine Bildung generieren kann, überschreitet wohl alles, was wir uns je vorstellen konnten.

Wir haben an Orten Kalkuttas gedreht, wo der Irrglaube nach Perspektiven die Menschen beinahe in den Abgrund gerissen hätte.

Bildung wird keine Frage des sozialen Wohlstands mehr sein, es wird eine Selbstverständlichkeit werden, die Einzug gewonnen hat mit der Macht des Internets. Auch hier gibt es für mich keine „schwarz-weißen“ Beurteilungskriterien. Das sind Dynamiken, die ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch mathematisch greifbar werden. Unsere emotionale Entscheidung, diesen Weg als Gesellschaft gehen zu wollen, haben wir vor Jahrzehnten gelegt.

Sie sagen, einfache Bauern würden ihr Land aufgeben, um in die Stadt zu ziehen. Ist es nicht vielmehr so, dass jene Bauern entweder erst gar kein Land besitzen, sie ihre Familie, die auf ihrem Land bleibt, durch Zusendung von Geld aus der Stadt aus unterstützen, oder sogar vertrieben werden? Schließlich ist Bengalen relativ dicht besiedelt und Land ist knapp, niemand wird es freiwillig aufgeben.

Das ist sicherlich auch richtig, die Enteignung der Bauern ist ja auch Thema des Films. In meinem angesprochenen Beispiel spreche ich aber explizit von den Bauern, die ihr Land von weit außerhalb von Kolkata im Staat Westbengalen oder anderen Nachbarstaaten aufgaben, um in die Stadt zu kommen. Es gibt beide Formen, mein Statement bezog sich auf die zugezogenen Bauern und nicht die enteigneten.

Welche Rolle spielt die – viel zitierte – Korruption in Kalkuttas Wirtschaft? Ist sie eine Gefahr für die wirtschaftliche Entwicklung – oder gehört sie nur zum gängigen Negativbild der Stadt?

Das ist eine Frage, die ich nicht seriös beantworten kann. Wir finden in deutschen Städten zahlreiche Beispiele für korrupte Aktionen, auch in unseren Nachbarländern und weit darüber hinaus. Allgegenwärtig sehen wir weltweit eine Entwicklung, die eine Ausdehnung der Korruption offensichtlicher macht als jemals zuvor, weil wir als Gesellschaft transparenter geworden sind. Kalkutta ist eine Stadt, die ein Viertel der gesamten Bundesrepublik beherbergt. Was haben wir für eine Vorstellung, was es bedeutet, das alles unter Kontrolle zu halten?

Sprechen wir über den Filmdreh und die Produktion. Wie lange hat der Dreh in Kolkata gedauert und mit wie vielen Leuten waren Sie vor Ort?

Die Dreharbeiten dauerten 21 Tage an, wir waren eine Crew von sieben Leuten, darunter vier Deutsche und drei Inder.

Was für eine Vorstellung haben wir schon davon, was es bedeutet, das Leben dieser Millionenstadt unter Kontrolle zu halten?

Wie verliefen die Vorbereitungen, wie lange die Vorrecherchen?

Bevor wir die Dreharbeiten begonnen haben, bin ich für längere Zeit in Kalkutta unterwegs gewesen, um die verschiedenen Facetten der Stadt einfangen zu können. Das war enorm wichtig und eine wirkliche Erleichterung bei den späteren Dreharbeiten. Die gesamte Vorbereitungszeit belief sich letztlich auf 1,5 Jahre. Für ein deutsches Team ist es nicht einfach, an den Orten zu drehen, die wir gewählt haben. Aber wir hatten einen guten Produktionsleiter vor Ort, der Zugang zu allen Leuten hatte, die in der Stadt etwas zu sagen hatten.

Wie gestalteten sich die Dreharbeiten vor Ort?

Die Dreharbeiten im September und Oktober waren enorm schwierig, sie erforderten große Anstrengungen von meiner Crew, die ich für ihren Einsatz heute noch sehr bewundere. Nicht selten wurden es 14-Stunden-Tage. Nicht, weil man so viel drehen konnte, sondern weil die Distanzen in dieser Stadt so unglaublich groß sind, dass alleine Reisezeiten von drei bis vier Stunden täglich die Regel waren.

Wir drehten zur Monsunzeit […], nicht selten sind wir durch überflutete Straßen gelaufen und mussten dabei riskieren, das Equipment zu verlieren.

Dann drehten wir zur Monsunzeit, ich wollte diese Stadt unbedingt in einem anderen Licht abbilden als die anderen Dokumentarfilme über Kalkutta. Nicht selten sind wir durch überflutete Straßen gelaufen und mussten dabei riskieren, das Equipment zu verlieren. Doch die Crew hat all das weggesteckt und immer den Film vor Augen gehabt.

Benötigten Sie Drehgenehmigungen – und wenn ja: war die Organisation derer einfach oder bürokratisch?

Die generelle Drehgenehmigung für den Film zu bekommen war eine der schwierigsten Hürden, die es zu überwinden galt. Wir mussten den Dreh aufgrund der Überbürokratie der örtlichen Behörden einmal verschieben und drei Monate später wieder neu ansetzen. Beim zweiten Mal ist es uns dann geglückt. Die Drehgenehmigungen, die vor Ort in Kalkutta einholbar waren, hat unser sehr gewissenhaft arbeitender Produktionsleiter problemlos einholen können. Die Produktion aber nach Indien zu bringen war kein leichtes Manöver.

Welche Interviewpartner kommen zu Wort?

Wir haben vom einfachen Bauern bis hin zu einflussreichen Politikern und namhaften Geschäftsleuten vor Ort eine Vielzahl an Gesprächspartnern gehabt. Unser Ziel war es nicht, nur die eine oder die andere Seite darlegen zu können, ich wollte einen Film machen, der den voranschreitenden Wahnsinn dieser Stadt in all seinen Facetten wiedergibt. Daher war er weniger fokussiert auf ein bestimmtes Thema als meine anderen Dokumentarfilme. Jedoch hat er dafür eine ungeheure Authentizität, weil es nicht um die Ansicht des Autors geht, sondern um die Menschen und ihren Blick auf ihre Stadt. Mehr geht nicht.

Die generelle Drehgenehmigung für den Film zu bekommen, war eine der schwierigsten Hürden, die es zu überwinden galt.

2008 wurde der Film gedreht und ein Jahr später fertigproduziert. War Kolkata – The Economic Miracle ein Erfolg?

Der Film traf damals den Nerv der Zeit – Indien war in allen Medien präsent und wurde sogar im Ringen um die zukünftige Weltmacht mit China auf eine Ebene gesetzt. „Kolkata“ wird heute noch in zahlreiche Länder verkauft und vielleicht gibt es ja bis in acht Jahren eine Fortsetzung, an die man anknüpfen kann – wer weiß, wo das Land, aber auch diese Stadt dann schon angekommen sind.

Gibt es etwas, dass Sie hinsichtlich des Films im Nachhinein anders gemacht hätten?

Nein, überhaupt nicht. Ich hatte die beste Crew am für mich zur damaligen Zeit interessantesten Drehort für eine solche Geschichte und wir haben eine ambitionierte Geschichte in 21 Tagen erzählen können. Bei Auslandsdreharbeiten gibt es immer Unvorhergesehenes – diesen Preis habe ich gerne bezahlt, um am Ende diesen Film machen zu können.

Vielen Dank für das Gespräch!

Stephan Anspichler, Jg. 1981, wurde in Breisach am Rhein (bei Freiburg im Breisgau) geboren. Nach einer Ausbildung in der Touristik und als freier Journalist geht Anspichler zum Theater und arbeitet dort als Regisseur. Es folgt ein Regiestudium an der New York Film Academy, das er 2004 abschließt.

Anspichlers erste Langfilm-Regiearbeit, der Kino-Dokumentarfilm „EGOÏSTE – Lotti Latrous“ (2007) erhält zahlreiche Preise und lief erfolgreich in den Schweizer und deutschen Kinos.

Anspichler ist Co-Produzent der türkischen Kino-Dokumentation ‚Ecumenopolis – City without Limits’, der in Deutschland und der Schweiz im Winter 2011/2012 in die Kinos kommt. Desweiteren bereitet Anspichler einen Kinospielfilm in israelischer Koproduktion vor. Website: york-street-productions.com

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